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Zum Zusammenhang von Boden (-fruchtbarkeit) und Geschichtsverlauf

Eine sehr denkenswerte Schrift von Raoul Heinrich Francé aus dem Jahre 1922 über den Zusammenhang von Kriegen, Kolonisation, Unterdrückung und der Bodenfruchtbarkeit. Das Alamierende daran ist, dass sich der Zustand der Böden eher verschlechtert denn verbessert hat und dadurch ein weiterer Grund sichtbar wird, die Fruchtbarkeit der Böden endlich langfristig zu gewährleisten.

Zitat einer Textpassage aus “Das Leben im (Acker)Boden” (1922)

“Blickt man zurück auf den Lauf der Geschichte, so entdeckt man erst, wieviel von den Weltereignissen eigentlich die Folge der Bodenverarmung war. Solange es nur wenig Menschen gab auf der heimatlichen Scholle, war das freilich ohne Bedeutung. Der frühmittelalterliche Roder des Waldes konnte leicht aus dem Vollen wirtschaften. Ihm machte das gar nichts aus, wenn der Boden verarmte. Sank das Erträgnis, so wurde eben durch Rodung Neuland geschaffen, und der große Wald von Mitteleuropa schien unerschöpflich zu sein. Aber eines Tages erschöpfte er sich doch. Das war etwa der Fall in jener höchsten Blütezeit der deutschen Bürgerkultur, kurz vor dem Dreißigjährigen Kriege. Mancherlei lässt darauf schließen, dass damals, wenn nicht mehr, so mindestens das gleiche Gebiet kultiviert war wie jetzt, dass jedenfalls mehr Dörfer bestanden als heute. Wäre nicht die große Verwüstung des endlosen Krieges gekommen, der nur mehr vier Millionen Menschen lebend zurückließ auf einem Land, das vordem fünfundzwanzig ernährte, so hätte sich alles das, was nachher folgte, schon viel früher vollzogen. So aber war erst in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts der Lebensraum Mitteleuropas erfüllt. Und die zunehmende Verarmung des Bodens setzte ein. Damals entstand die heute noch nachwirkende Überzeugung, dass Kultur ein Menschenfresser sei und die Länder verarme.

Zuerst versuchte man, der Verarmung auszuweichen. Die Auswandererzüge ergossen sich nach dem wenig besiedelten Osten. Das soeben von den Türken befreite Ungarn war Neuland. Der große Schwabenzug setzte ein. Hunderttausende der besten Deutschen (denn zum Auswandern gehört Intelligenz, energisches Wollen und Geld) verließen den Boden, den sie für verarmt hielten, weil sie seine Gesetze nicht kannten. In England begann der Hunger, desgleichen in Frankreich. Engländer und Franzosen wandten ihrer Artung entsprechende Mittel an. Die einen schafften Brot durch die Industrie. Die so viel Menschenleid nach sich ziehende Spekulation begann: Mein Acker trägt nicht genug, also mache ich Nähnadeln oder Webwaren, um für sie vom Nachbarn Brot zu kaufen. Die Franzosen dagegen wollten Brot durch Revolution schaffen. Dass Ludwig XIV. die große Revolution zunächst für eine der üblichen “Brotrevolutionen” hielt, sagt darüber alles.

Hätte man nicht um jene Zeit die Kartoffeln überall eingeführt, um den Ausfall an Brot zu decken, so wäre die schleichende Lebensmittelkrise noch viel gefährlicher geworden. Die Kartoffel half den armen Menschen etwas, aber immer deutlicher wurde es: Die Äcker tragen nicht genug. Die Unglücklichen suchten den Fehler in ihrer Lebenslust, und man erfand das Wort von der Überbevölkerung. Der Reverend Malthus stellte seine eigentlich fürchterliche Theorie auf, die, als Darwinismus verkleidet, heute noch lebt. Ein noch schrecklicherer Gedanke kam auf. Nicht nur zurückhalten sollten sich die Menschen in ihren natürlichsten Trieben, sondern auch Abschlachten sollten sie den Überfluss an Menschen. Man begann mit der Predigt: Kriege müssten sein; der Krieg sei gottgewollt, um der Überbevölkerung vorzubeugen. Und von da war nur mehr ein Schritt zum Imperialismus. Man muss dünn bevölkerte, noch bodenreiche Länder erobern, um für seine Menschenmassen Brot zu haben, man muss das Land den Naturmenschen wegnehmen und sie arm machen unter der Bezeichnung Kolonie, denn der arme Boden daheim muss durch Kolonien ergänzt werden.

Das Zeitalter der Industrialisierung, der Auswanderung, der Proletariatsbildung, der Kriege, der Kolonisation, des Imperialismus, der Revolution und der Hungersnöte begann.

Versteht man nun, dass alle diese Höllen, diese wahre Büchse der Pandora, einen einzigen Ausgangspunkt hatten, alle auf eine Ursache zurückgingen: auf die Verarmung des Ackerbodens, deren wahre Ursache man nicht kannte?

Statt im Osten suchte man bald das Neuland im Westen und Süden. Amerika wurde das Auswandererparadies. In Scharen stürzten sich Deutsche, Franzosen (Kanada!), Italiener, Slowaken, Russen auf den jungfräulichen Boden, der noch volle Ernten gab; man ging nach Südafrika, nach Australien, überall hin, wo noch reiche Ernten lockten. Wo es den Menschen wieder gut ging, da war das neue Vaterland. Trotzdem wurde der Kampf ums Dasein überall ärger. Und die Armen, statt ihn als Krankheit zu erkennen und zu heilen, machten sich aus ihrer Geißel ein Gesetz der Geißelung. Man nahm es hin als Notwendigkeit und sagte, Kampf muss sein, Hunger, Übervermehrung muss sein, das ist naturgewollt. Aus dem entspringt sogar aller Fortschritt.

Aber trotz imperialistische Kriege, Kolonien und der Verwandlung von ganz Europa in eine Fabrikkaserne wuchs der Hunger. Zwischen 1750 und 1850 ging in jedem Jahrzehnt mindestens einmal die Hungersnot durchs Land. Von dem großen Elend 1816 bis 1817 erzählten noch unsere Großeltern; der Misswuchs von 1847 wurde allgemein als die unmittelbare Ursache des Ausbruchs der Unruhen von 1848 gedeutet.

Da kam die Rettung. Von der einzigen Seite her, von der der Mensch dem Menschen beistehen kann in seinen Nöten: durch das Wissen.

Justus von Liebig heißt der unvergängliche Wohltäter der gesamten Menschheit, der endlich erkannte, wo des Übels Wurzel steckt, dass alles das Strafe ist für den Raubbau, den die Menschen seit Jahrhunderten an ihrem Ackerboden treiben. Er lehrte endlich einfach rechnen, und ebensoviel Kali, Phosphor, Stickstoff und Kalk dem Boden zurückzugeben, wie man ihm entnimmt, indem man ihn mit solchen Salzen künstlich düngt.

Durch die Schaffung und Anwendung des Kunstdüngers hat Liebig die Welternten rund um ein Drittel erhöht. Man hat berechnet, dass solches vor der großen Geldentwertung im Jahre rund drei Milliarden Goldmark bedeutete. Drei Milliarden Goldmark, das ist in einer Zeit, in der man den dreißigfachen Wert dafür hinlegen muss, eine unausdenkbare Menge an Kulturerrungenschaften, an Spitälern, Schulen, Kunst und Wissenschaft, die sich die Menschheit gönnen kann, und für die ohne Liebig kein Pfennig vorhanden gewesen wäre. Statt dessen aber eine neue Hekatombe an Menschenleid, verschärftem Lebenskampf, Krankheit, Kindersterblichkeit, Wettbewerb, gegenseitigem Hass und Hartherzigkeit.

Zwischen den Jahren 1850 und 1880 hat sich die Kunstdüngung allgemein verbreitet, anfangs unter Widerstreben und langsam, dann, wenigstens in unserem Lande, allgemein. Kein Landwirt zweifelt heute im Ernst daran, dass hauptsächlich wegen der starken Anwendung von künstlichen Düngemitteln die deutschen Ernten in den letzten Jahrzehnten so gewaltig gestiegen sind.

Mit einem Schlag schien durch die Liebigsche Theorie und die Kunstdüngung die ganze Bedeutung des Humus gegenstandslos geworden, und tatsächlich setzte unter ihrem Einfluss zunächst auch eine starke Missachtung des Humus in der Landwirtschaft ein. Das echt menschliche Schicksal ereignete sich auch hier wieder: von einem Extrem fiel man ins andere. Nur erst langsam stellte sich das Gleichgewicht her, und das ging so zu:

Es war zu erwarten, dass die Kunstdüngersalze im Boden durch den Regen gelöst werden und mit ihm in die Tiefe sickern, bis sie den Grundwasserspiegel erreichen. So wenigstens müsste man sich nach den physikalischen Gesetzen einen völligen Misserfolg der Kunstdüngung vorstellen. In Wirklichkeit aber verläuft das anders, und das ist wieder ein Verdienst des Bodenlebens und des dadurch erzeugten Humus. Ohne Humus wäre die ganze Kunstdüngung wertlos.

Die gesamten Humusstoffe besitzen nämlich eine Eigenschaft, auf die man erst in neuester Zeit aufmerksam geworden ist. Während die Kunstdüngersalze, so wie die natürlichen Bodensalze Kristalle sind, ist dagegen der Humus kolloidaler Natur.

Was ist darunter zu verstehen? Von allen den merkwürdigen Eigenschaften der Kolloide, die die Wissenschaft, die heute kolloidales Eisen und Gold darzustellen gelernt hat, auf diese Weise erfuhr, hat nur eine einzige für den Landwirt Belang. Diese allerdings in allerhöchstem Masse. Und das ist ihre enorme Adsorption. Mit dem Fremdwort soll gesagt sein, dass sie gleich einem Leim auf das allerzäheste kleben und haften – mit anderen Worten, dass kolloide Stoffe im Boden festhalten und davor bewahren, dass sie ausgewaschen oder in die Tiefe gespült werden.

Die Fachwissenschaft drückt das so aus: dass der Ackerboden durch seine Hydrogele von Kieselsäure, Eisen und Aluminium sowie durch die kolloidalen Humussubstanzen die kolloidal gelösten Düngerstoffe adsorbieren kann. [...] Das alles, namentlich aber der Humus sind nun die Ursachen, warum die in den Boden gebrachten Stickstoff-, Kali-, Phosphorsalze nicht weggeschwemmt, sondern dauernd in der Region erhalten bleiben, aus der die Pflanzenwurzeln schöpfen.

Es ist demnach vollkommen richtig, dass ohne Humus auch die beste Kunstdüngung versagen würde, und dass nach wie vor der Landwirt größten Bedacht nehmen muss, dass sich der Humus in seinem Acker nicht vermindre, eher denn vermehre.

Die alte Erfahrung der Praktiker, dass der Humus mit größter Kraft die Pflanzennährstoffe gegen das Auswaschen zurückhalte, hat so nur eine neue, tiefer dringende Erklärung erfahren, und nach wie vor strahlt als goldenes und oberstes Gebot des Landwirts und Gärtners der Satz: Die Erhaltung und Vermehrung der Humusmenge im Boden ist eine der wichtigsten Aufgaben der Bodenkultur.

Nachdenklich stimmt diese uralte und neubegründete Einsicht, wenn man sie nur erst einmal in ihrer ganzen Tiefe erfasst hat. So sonderbar ist also der Zusammenhang der Dinge geordnet, dass die Toten mit segnender Hand die Nahrung für die Lebenden festhalten da drunten in dem Dunkel ihres Grabens? Denn was ist denn Humus anderes als die Toten? Alle Toten: die Wälder, die da rauschten unseren Voreltern, die Blumen, die für sie blühten, die heiteren Vögel, die ihnen sangen, die Kornfelder, die ihren Sommer mit würzigem Brotgeruch erfüllten und sie selber auch, die vor uns gingen und liebten und ernst und fröhlich waren in ihren dunklen und guten Tagen. Ein oder einige Jahrhunderte gehen über die Welt, und sie alle sind dunkler, feiner Humus voll Erdgeruch und neuem Leben. Die Handvoll da, die ich davon aufnehme, war eine Welt und ist wieder eine, die mir und uns allen das tägliche Brot mit allen Freuden und Reichtümern, die daran hängen, zubereitet und erhält. Ist das nicht eine der sinnigsten, ehrwürdigsten Vorstellungen? Hat da nicht der Tod jeden Schrecken verloren? Und muss es nicht dem, der mit solchem Wissen auf einen so gewohnten Gegenstand wie die Heimatscholle blickt, ein lieber und vertrauter Klang sein, wenn er zu ihr sagt: Mutter Erde, aus der wir kamen und zu der wir werden…

Und doch war auch mit der Erkenntnis der Kunstdüngung und der Bodenkolloide noch nicht alles entschleiert von den Geheimnissen der Ackerkrume, so wie auch die Liebigsche Tat dem grenzenlosen Bodenhunger der Menschheit nur auf kurze Zeit Einhalt gebot.

Es wäre eine Untersuchung für sich, wie weit der ungeheuer rasche Aufschwung des Volkswohlstandes und der Zivilisation von 1850 bis 1900 mit den Verbesserungen der Landwirtschaft zusammenhängt, die durch Liebig eingeleitet worden sind; Tatsache ist, dass seit 1900, wenigstens in Mitteleuropa, die Ernte wieder nicht mehr der unter dem Einfluss jenes Wohlstandes außerordentlich stark angeschwollenen Kopfzahl genügte und damit neuerdings eine schleichende Ernährungskrise begann, die ihren erschrecklichen Abschluss in der mitteleuropäischen Hungersnot von 1916-1919 hatte. Hand in Hand damit ging die Ländergier, der Imperialismus, die Industrialisierung und Proletarisierung, die Unterernährung und die revolutionäre Gesinnung weiter. Schon vor dem Kriege musste Deutschland rund ein Drittel seiner notwendigen Lebensmittel aus dem Ausland einführen, und heute (1922) ist das Missverhältnis noch ärger.

Wieder schreit das Leben unseres Volkes – und mehr oder minder das aller europäischen Völker – danach, auf unserem Boden nochmals Liebigs Grosstat zu leisten und die Ernte neuerdings um ein Drittel zu steigern.

Das ist die brennende Aufgabe von heute, es ist das eigentliche Zeitproblem, dessen Lösung alle anderen, sowohl die sozialen, wie die wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Probleme in sich schließen würde.

Und rastlos arbeiten Forschung und technisches Können daran, dieses Problem zu lösen.”

Wichtige Links zu Raoul Heinrich Francé: Webseite

- Thomas Caspari Webseite

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