02TerraPreta_Exkursion_DrReckin

Erkenntnisse von unserer Exkursion zu Dr. Jürgen Reckin am 28.4.2012

Einen ganzen langen sonnigen Nachmittag hatten wir Gelegenheit, bei Dr. Jürgen Reckin in Schorfheide durch den Garten zu streifen. Er zeigte uns praktisch, wie er seine Schwarzerde herstellt, und erläuterte uns außerdem einige wichtige theoretische Grundlagen bzw. Erklärungsmodelle für verschiedene ablaufende Prozesse. Beides möchte ich in diesem Dokument kurz zusammenfassen.

Fotos und Notizen von Kathrin Ollendorf

Theorie: die deshalb wichtig ist zu verstehen, um mit den jeweils eigenen zur Verfügung stehenden Ressourcen und Mitteln Ähnliches zu vollbringen.

Ausgangsmaterialien:

  • Fermentierter Urin: 90 % des vom Menschen ausgeschiedenen Stickstoffs ist im Urin enthalten, stattdessen geht als Stickstofflieferant auch Brennesseljauche oder Federn o.a. N-haltige Substrate (Stallmist…)
  • Holz: möglichst frisches, natürlich feuchtes Holz (mit Zellfeuchte, die Zellsäfte enthalten noch Nährstoffe), im Holz steckt viel Lignin, dies ist idealer Ausgangsstoff zur Humusbildung
  • wenn Holz als Rohstoff, muss es ausreichend zerfasert sein, um gut mischbar zu sein mit der Pflanzenkohle sowie dem Bacillus subtilis ausreichend „Angriffsfläche“ zu bieten
  • Pflanzenkohle (bleibt dauerhaft im Boden mit allen positiven Wirkungen, wird nicht zersetzt)
  • Auch ohne Holz, stattdessen mit Stroh ist der Prozess möglich, dieses enthält aber weniger Lignin als Ausgangsstoff, daher ist es weniger effektiv
  • bei sandigem Boden ist Zugabe von Tonmehl empfehlenswert, je sandiger desto mehr (bis 4-5 Vol%), Bildung stabiler Ton-Humus-Komplexe dann besser möglich, von „Friedland“ gibt es 25 kg für 2,50 € mit viel Quellton (20% Montmorillonithe, die sind prima weil es 3-Schicht-Tonminerale sind)

Fazit: zerfasertes Holz + Holzkohle + fermentierter Urin + Gesteinsmehle + Regenwurmarbeit

Umwandlungsprozesse:

  • Humusbildung als Gesamtprozess ist eine oxidative Ammonifikation, d.h. Sauerstoff und Stickstoff müssen vorhanden sein
  • Holz bzw. Holzspäne haben ein Verhältnis C:N = 500:1, ideal für die Umsetzung sind aber 24:1, daher muss sehr viel Stickstoff zugegeben werden, jedoch ist dies im Ergebnis ein sehr nachhaltiger Stickstoffeinsatz und es sollte daran nicht gespart werden
  • Wenn Holz zu grob, wird es früher oder später veratmet (Materialverschwendung), das Zerfasern sorgt für eine große Angriffsfläche für Bac. subtilis und somit weitestgehende Nutzung für den Humusmolekül-Aufbau
  • an Heu vorkommender Bacillus subtilis wird im Heuaufguss, danach in der Zellkultur und im Urineimer vermehrt, bei Mischung mit dem Substrat „stürzt“ er sich sofort in ausreichender Menge auf das Lignin und spaltet dort die Methylgruppe ab
  • danach sind die Ligninketten schnell abbaubar und werden normalerweise veratmet
  • die Anwesenheit der Holzkohle scheint an dieser Stelle eine Art Katalysatorfunktion zu besitzen, wodurch die Ligninteile schneller zu Humusmolekülen verkettet werden, als der Abbau stattfindet
  • daher gibt es keine Alternativen zum Einsatz von Holzkohle bei der Terra Preta-Herstellung, ideal sind 20 Vol% zum Kompost, mindestens aber 10 Vol%, im oben beschriebenen Verfahren mit zerfasertem Holz nannte Dr. Reckin 5 Vol%, ohne Holzkohle gibt es einen Düngeeffekt (Nährhumus), jedoch keinen langlebigen Dauerhumus
  • die Holzkohle bleibt nach der Humusbildung im Boden erhalten und hält den Humusbildungsprozess aufrecht, daher vermehrt sich die Terra Preta nach der Einbringung im Boden dauerhaft weiter
  • im Regenwurmdarm befinden sich besonders viel humusbildende Mikroorganismen, nach der Regenwurmphase ist die Bildung von Dauerhumus initiiert
  • Terra Preta ist im Ergebnis eher basisch wegen der Metallsalze, die bei der Holzkohlegewinnung entstehen, diese haben Seifenwirkung

Fazit: bei der Terra Preta-Herstellung sind die Humussynthese-/Aufbauprozesse größer als die Veratmungs-/Abbauprozesse, dadurch wird die Atmungsrate im Boden gesenkt und letztlich CO2 im Boden gebunden

Weitere Tipps:

  • Ausbringmenge: 10 Liter pro Quadratmeter, 10(-20) cm tief einhacken und vermischen (geht gut mit einer Kartoffelhacke), Boden nicht wenden und „verbuddeln“, nach 5 Jahren ist das ganze bis anderthalb Spatenstiche tief gewachsen
  • Referenzbeet pflegen: mit Küchenabfällen „füttern“, im Winter mit Laub abdecken, anfangs deutlich größere Ausbringmenge (bis 60 l), lohnt sich, denn von daher werden Mieten immer wieder „beimpft“
  • Fertige Terra Preta lässt sich auch und an Pflanzen vergießen (z.B. Obstbäume), auch das fördert an dieser Stelle den Humusaufbau
  • wenn der fermentierte Urin nach Ammoniak stinkt ist was falsch gelaufen im Prozess
  • behelfsmäßige Holzkohleherstellung in geringen Mengen: nicht vollständig verbranntes Lagerfeuer mit Wasser löschen
  • jedes andere organische Material ist mit Holz mischbar, z.B. Stallmist lässt sich mit zerkleinertem Holz aufbessern (Ligningehalt steigt), evtl. auch gleich zerfasertes Holz einstreuen möglich
  • u.U. ist in den ersten Jahren mal eine wiederholte Einbringung von Terra Preta nötig
  • Humus begünstigt die Mykorrhizabildung, da sich darin die Pilze zurückziehen
  • Beimischung von Dolomit (Ca/Mg-Carbonat) erhöht den pH-Wert, für Regenwürmer optimal ist pH 7
  • Einsatz von effektiven Mikroorganismen: verhindern Fäulnis, sind aber meist anaerobe Milchsäurebildner, welche die aeroben Humusbildner ausschließen, durch Senkung des pH-Wertes dauert es länger, bis die Regenwürmer kommen, insgesamt sind die EM für die Terra Preta-Herstellung ein Umweg, funktionieren tut es aber auch
  • falls Holzkohle gleich anfangs bei der Kompostierung eingemischt wird, senkt das die sonst üblichen Masseverluste im Kompostierungsprozess
  • nach erster Terra Preta-Anwendung tritt anfangs meist viel Unkraut auf
  • wenn man die erste Terra Preta-Miete mit Walderde beimpft, können in der Miete Strahlenpilze auftreten (weißes Mycel), diese sind mit wiederholtem begießen mit Brennesseljauche wieder wegzukriegen
  • jeglicher Schimmelbefall der Mieten ist nie gut (falsche Umwandlungsprozesse), dagegen mit Pflanzenjauchen begießen
  • Heuaufguss: abgekochtes warmes Wasser mit Heu vermischen in einem sauberen Gefäß und einige Tage stehen lassen: dann bildet sich Schleim drauf, gut ist es, wenn dieser weißlich aussieht (Bac. subtilis nie mit Brotteig in Verbindung bringen, da thermoresistenter Zersetzer)

Neue Denkmodelle zum Verständnis der Pflanzenernährung:

  • Pflanzen sind in der Lage, größere Moleküle (Humusteile) zu ihrer Ernährung aufzunehmen sowie einzellige Mikroorganismen durch Endozytose zu „fressen“
  • Mineralische Stickstoffdüngung wirkt nur mit Humus zusammen, da dadurch die Oxidation von Huminstoffen angeregt wird (infolgedessen sinkt durch diesen erhöhten Verbrauch aber der Humusgehalt)
  • Terra Preta ist durch die vielen enthaltenen Mikroorganismen eine Art „Dauerweide“ für die Pflanzen
  • Nach einem Wiesenschnitt stirbt neun Zehntel der Wurzelmasse, der Rest wächst in Tiefe, in dieser Phase ist die tote Wurzelmasse Nahrung für Regenwürmer, im Versuch wurden nach dem Schnitt in Wiesenschlitze Holzkohle eingebracht, was zur schnellen Steigerung des Humusgehaltes führte (Doran/Dorothy)

Hier kann der Bericht als PDF (1mb) herunter geladen werden: TerraPreta_Exkursion_DrReckin 3

Katrin Ollendorf

6 comments

  1. Henry Winkelmann

    Hallo Katrin und Daniel,
    danke für die interessante Veranstaltung gestern (2012-07-15 indigene MO) Hier die Bitte den oben dagestellten Bild-Beitrag auch als PDF zum Download anzuhängen. Die bisherigen Bilderversion läst nur schwer weiter verbreiten :)

  2. Daniel Oliver Habenicht

    Hier ein Kommentar von Jürgen Reckin:
    “schon vor längerer Zeit hatte ich mir Ihre sehr umfassende und gut
    durchdachte Zusammenfassung durchgesehen und finde sie sehr gelungen.
    Unter Punkt 12 würde ich relativieren, nicht auf so viele Liter Urin
    festlegen – es kommt immer auf die Größe der Miete an. Bisher gibt es
    keine feste Mengenregel dafür, wir sind noch immer auf unser
    Feingefühl angewiesen.
    Wichtig ist zu verhindern, dass es zu viel Urin wird; deshalb ist es
    besser, auf Teichfolie zu kompostieren, um eventuellen Urinablauf
    auffangen zu können mit weiterem zugegebenen Holzhäcksel: Es muss
    unbedingt verhindert werden, dass es in den Boden einsickert und das
    Grundwasser verschmutzt.

    Viel Erfolg in Ihrer Arbeit!

    P.S. Haben Sie Sonderdrucke meines Beitrages TERRA PRETA – DIE
    LEGENDÄRE SCHWARZERDE DER INDIOS VON AMAZONIEN ?
    Abgedruckt in NATÜRLICH GÄRTNERN Heft 3/2012

    Herzliche Grüße

    Jürgen Reckin”

  3. Andre Klein

    Toller Beitrag, sehr gut geschriebene Anleitung!!! Genau das richtige Gespür, zwischen Wissenschaftlicher Genauigkeit und gutem gärtnerischen Schätzwissen.

    Ich bin dabei ein ähnliches Projekt auf unseren 200qm Gartenland in Schildow bei Berlin, garnicht weit von der Schorfheide, umzusetzen und hatte dazu Herrn Dr. Reckin eine Mail geschrieben. Nun weiss ich garnicht ob die Adressem die Google ausgespuckt hat, überhaupt aktuell ist und einen Brief schreiben kann ich nicht (bin zu jung dafür :) Habt ihr vielleicht eine Telefonnummer vom “Dr. Terra Preta” für mich? Wie erreiche Ich ihn am besten? LG aus Berlin

    Andre

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