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Terra Preta, die legendäre Schwarzerde – Mythos oder Chance?

Die Terra Preta beschäftigt heute Medien, engagierte Laien und auch Fachwissenschaftler. Sie wird intensiv, häufig auch kontrovers diskutiert. Befürworter glauben, mit ihr die Bodenfruchtbarkeit erstmalig dauerhaft erhalten zu können. Kritiker bezweifeln das. Nun hat Dr. Jürgen Reckin, ein anerkannter Protagonist der Terra Preta, in einem aufschlussreichen Artikel über seine Erfahrungen berichtet. Dazu einige Anmerkungen und Fragen …

Berichte über die „Terra Preta“, die sagenumwobene Schwarzerde aus den Regenwäldern des Amazonas, haben schon seit längerem Konjunktur in der deutschen Forschungs- und Medienlandschaft. Regelmäßig finden Tagungen und Workshops statt, in denen Verheißungen einer völlig neuen Ackerkultur mit nachhaltiger Bodenfruchtbarkeit verkündet werden. Endlich, so hört man, werden wir über ein Verfahren verfügen, mit dem die stetige Zerstörung unserer Ackerböden durch Agrochemie und Intensivlandwirtschaft ein Ende haben wird. Mit Terra Preta können wir künftig den Humusgehalt unserer Ackerflächen, der ansonsten immer mehr abnehmen würde, auf hohem Niveau und die Böden auf Dauer fruchtbarer erhalten wie nie zuvor.

In einer Dokumentation im November 2011[1] hatte das ZDF dazu ein erschreckendes Bild gezeichnet. „Fünf vor Zwölf“ stünde es mit der Fruchtbarkeit deutscher Ackerböden, wenn nicht bald – z.B. mit Hilfe des Terra-Preta-Verfahrens – Abhilfe geschaffen werden würde. Mehrere Agrarwissenschaftler wiesen nach[2], dass diesbezügliche Aussagen zweier fachfremder „Experten“ eindeutig falsch waren. Nach dem Grundsatz „Bad news are good news“ war das ZDF jedoch nicht bereit, seine Falschmeldung zu korrigieren.

Es fällt auf, dass sich mit der Terra Preta zwei Gruppen beschäftigen, die offenkundig kaum miteinander kooperieren. Da sind zum einen verschiedene Forschungsgruppen, vor allem an Universitäten, die mittels staatlich geförderter Projekte Möglichkeiten der Terra Preta wissenschaftlich bearbeiten und kritisch hinterfragen. Von ihnen sind bisher, sicher auf Grund der Kürze der Zeit, noch kaum belastbare Ergebnisse bekannt geworden. Zum anderen befassen sich Vereine (wie z.B. der Verein „Wendepunktzukunft“[3]) und Einzelpersonen aus persönlichem Interesse mit der Thematik. Ihre Tätigkeit ist in der Regel durch eine ausgesprochene Begeisterung und Überzeugung, nach der der Terra Preta die Zukunft gehört, gekennzeichnet. Bei ihnen spielen belastbare Ergebnisse und deren kritische Prüfung eine geringere Rolle, weil die Terra Preta nach ihrer Meinung per se „gut“ ist.

Unter den bekannten Protagonisten der Terra Preta verfügt Dr. Jürgen Reckin über umfassende Erfahrungen, die er offenkundig auch aus zahlreichen Versuchen in seinem Privatgarten gewonnen hat. Er ist zweifellos ein guter Beobachter und Gärtner, der sich in den Prozess der Herstellung von Schwarzerde tief eingearbeitet hat. Nun liegt ein aufschlussreicher Artikel von ihm vor[4], in dem er neben der Geschichte der Terra Preta vor allem detailliert auf seine Methodik der Herstellung von Schwarzerde eingeht.

Im Prinzip handelt es sich um eine Kompostierung, die sich von herkömmlichen Verfahren, vor allem professionellen Verfahren in Großanlagen, wie folgt unterscheidet: Als Rottematerial wird fein zerkleinertes Dünnholz mit zerkleinerter Holzkohle (Anteile nicht genannt) gemischt und anschließend mit 15 % Tonmehl (bei Sandböden mehr), 5 % Urgesteinsmehl und zerkleinerten Küchen- und Ernteabfällen sowie mit Holzasche bzw. Braunkohlenasche versetzt. Die Mischung wird zu sehr niedrigen Mieten (Höhe max. 0,5 m) aufgesetzt. Vorteilhaft ist der Zusatz von Schwarzerde (Anteil 5 %) und/oder Mikrobenmischungen (Heubazillus, Bacillus subtilis, effektive Mikroorganismen – EM). Anschließend wird die Mischung mit Stickstoffhaltigen organischen Flüssigkeiten, wie vergorene Pflanzenjauche aus Brennnesseln, Urin (fermentiert), Stalljauche, geschlämmter Dung von Haustieren, versetzt (Mengen nicht genannt). Die Mieten werden nicht umgesetzt. Es wird auch keine Rottetemperatur gemessen. Eine ausreichende Belüftung wird durch das Dünnholz und die Besiedlung mit Regenwürmern und anderen Bodenorganismen gewährleistet. Die Schwarzerde ist reif, wenn die Regenwürmer die Mieten verlassen.

Einschätzungen und Fragen

Reckin setzt sich eingehend mit einzelnen Prozessschritten der Bildung von Schwarzerde auseinander und hat dafür überwiegend schlüssig scheinende Erklärungen. Einige halten jedoch einer Überprüfung anhand belastbarer Fakten nicht Stand. Für wenige fehlen Fakten gänzlich. So entsteht – bei aller Wertschätzung der interessanten Erfahrungen – eine Mischung aus richtigen Erklärungen, Halbwahrheiten und unbewiesenen Behauptungen. Menschlich verständlich ist das durchaus, denn die Überzeugung, dass die Terra Preta per se „gut“ und anderen Verfahren der Humuswirtschaft überlegen ist, kann einen starken Antrieb zu einfachen Wahrheiten bilden. Besser und der Sache der Terra Preta dienlicher wäre es aber, im Sinne einer rein rationalen wissenschaftlichen Arbeitsweise neben belegbaren Ergebnissen auch beherzt die noch unklaren Probleme als solche zu benennen und nicht durch „Deutungen“ zu erklären.

1. Holzkohle als Biokatalysator
Reckin stellt – da kann man noch folgen – die maßgebende Rolle der Holzkohle im Prozess der Kompostierung nach seiner Methodik heraus. Die Erklärung dafür sieht Reckin – und hier wird es problematisch – in der erstaunlichen Fähigkeit der Holzkohle, als Biokatalysator aus organischen Substanzen direkt Dauerhumus zu produzieren (zit.):

Meines Erachtens besonders wichtig ist jedoch die Rolle der Holzkohle als Bio- Katalysator. Nach enzymatischer Zerlegung der organischen Stoffe werden unter dem katalytischen Einfluss der Holzkohle und offenbar auch ziemlich rasch die Bausteine zu Riesenmolekülen von Dauer-Humus verknüpft, die über längere Zeit recht stabil sind und lange im Boden verbleiben.

Reckin erläutert seine Vorstellungen dazu in der Webseite „Wikipreta“ ausführlicher[5]. Danach sollen „freie Minimoleküle“, die nach enzymatischer Spaltung von organischem Pflanzenmaterial entstehen, unter dem Einfluss von Holzkohle in kurzer Zeit zu Makromolekülen von Dauerhumus zusammengesetzt und damit der weiteren Verstoffwechselung entzogen werden.

An dieser Annahme, von der Reckin als Faktum ausgeht, sind Zweifel angebracht. Soll die Holzkohle tatsächlich die Verfahrensmatrix in sich tragen, den gesamten Prozess bis hin zu den „Riesenmolekülen von Dauerhumus“ gezielt zu steuern? Oder wird damit nicht dem Wunsch nach einfachen Lösungen nachgegeben, nach dem Motto: Was per se „gut“ ist, wird auch von der Natur mit guten, einfachen Lösungen gefördert (?).

Die Zweifel ergeben sich aus folgenden Fakten und Überlegungen: Ein Biokatalysator ist definiert als ein Biopolymer, das mindestens eine biochemische Reaktion in einem Organismus beschleunigt, indem es die Aktivierungsenergie dieser Reaktion herab- oder (selte- ner) heraufsetzt. Meist handelt es sich bei Biokatalysatoren um Enzyme. Diese bestehen aus einer Kette von Aminosäuren und sind daher Proteine. Holzkohle zählt also (bisher) nicht zu den Biokatalysatoren. Für die Annahme einer direkten Steuerung der Bildung von Dauerhumus-Riesenmolekülen gibt es in der Fachliteratur bisher keine wissenschaftlichen Belege.

Weit wahrscheinlicher ist, dass Holzkohle auf Grund ihrer großen Oberfläche und enormen Bindungskapazität durch rein physikochemische Sorption alle möglichen Substanzen bindet, die in der Kompost- bzw. Substratmischung vorliegen, wie Nährstoffe, organische Substanzen, auch Schadstoffe. Auch die physikalische Bindung organischer Moleküle in Mikroporen des Bodens ist belegt[6]. Ausschlaggebend dafür sind die jeweiligen Sorptionsgleichgewichte der Substanzen. Ohne Zweifel können auf diese Weise durch die Holzkohle bestimmte Abbauvorgänge verlangsamt und die mikrobielle Verstoffwechselung organischer Substanzen – Ursache der bedeutenden Volumenreduzierung bei der Kompostierung – abgebremst werden. Es handelt sich aber nach bisherigem Wissensstand stets um physikalische Bindungsvorgänge. Für eine Funktion der Holzkohle als Biokatalysator, der allein und gezielt die Bildung von Dauerhumus steuert, gibt es keine Belege.

So sind wohl auch die weiteren Ausführungen von Reckin, wie die zur Rolle der Indios in Amazonien (zit):

Sie haben vor Jahrtausenden schon einen Biokatalysator entdeckt, der bis heute in sei- ner Wirksamkeit und Effektivität unerreicht geblieben ist. Keine Universität der Welt hat in Sachen Dauerhumus-Aufbau auch nur annähernd Vergleichbares geleistet!

einer ausgesprochenen Begeisterung geschuldet, in der die sachliche Darstellung der Verhältnisse etwas außer Kontrolle geraten ist.

Ähnliches trifft für die Darstellung zu, als hätte in Deutschland bis heute niemand etwas von der segensreichen Wirkung der Holzkohle in Böden gewusst (zit):

Inzwischen hat sich herausgestellt, dass dies nicht nur in den Tropen funktioniert, son- dern auch bei uns, in den gemäßigten Breiten. So fanden Mitarbeiter des Fraunhofer-Instituts unter der Leitung von Dr. K. H. Weinfurtner in unmittelbarer Umgebung von ehemaligen Köhlerstellen stets tiefschwarze Erde, weitgehend unabhängig von der jeweiligen Bodenart und topografischen Ge- gebenheiten.

Die holzkohlenreichen Köhlerböden in Deutschland sind Bodenkundlern schon seit langem bekannt und werden von Gärtnern häufig als Friedhofserde verwandt. Das ist keine Entdeckung des – ansonsten in der Kompostforschung sehr geschätzten – Herrn Dr. Weinfurtner vom Fraunhofer Institut Schmallenberg. Auch die Einarbeitung von organischer Substanz in Böden wurde in Norddeutschland schon im Mittel- alter beispielsweise mit der Plaggenwirtschaft betrieben (sog. Plaggeneschböden), um damit die Bodenfruchtbarkeit zu verbessern. Selbst zahlreiche Gartenböden von Hobbygärtnern, in denen durch jahrelange Verabreichung von Pflanzenabfällen, Speiseresten, auch Holzkohlehaltigen (!) Aschen aus der Grillsaison und üppige Düngung meist sehr hohe Humusgehalte aufgebaut worden sind, die meist über dem Bodenoptimum liegen, weisen den Charakter von Terra-Preta-Böden auf – auch wenn sie nicht als solche bezeichnet werden[7]. An der Einmaligkeit der durch Holzkohle stabilisierten Schwarzerde, die nach Reckin überhaupt erst mit der Entdeckung der Terra Preta bekannt geworden ist, sind also Zweifel angebracht.

2. Kompost der Schwarzerde unterlegen
Reckin beklagt mehrfach die erheblichen Verluste an organischer Substanz bei herkömmlicher Kompostierung, die bei der Bereitung von Schwarzerde nicht auftreten (zit):

Was letzten Endes von der Miete nach der Kompostierung übrig bleibt, ist enttäuschend wenig.

Die Kompostwirkung sei zudem niederschmetternd gering, wie er aus langjährigen Bemühungen seiner Familie auf Sandböden berichtet (zit):

Auch nach fast hundert Jahren eifrigen Bemühens ist der Boden nicht wesentlich Hu- musreicher geworden und die bekannten Nachteile reiner Sandböden sind im Wesentlichen geblieben.

Reckin gibt deshalb der Kompostierung – angesichts der aus seiner Sicht klaren Überlegenheit der Schwarzerde – künftig kaum noch Chancen (zit):

Ich denke deshalb, dass es einfach nicht mehr lohnt, Kompost üblicher Art zu bereiten, dazu ist das Ergebnis zu gering, der Aufwand steht nicht mehr in einem vernünftigen Verhältnis zum – recht mageren – Ergebnis.

Hier werden von Reckin Tatsachen leider sehr verkürzt und einseitig dargestellt, ohne die verschiedenen Möglichkeiten und Verfahren der Kompostierung in ihrer historischen Entwicklung zu berücksichtigen[8]: Die traditionelle Kompostierung, wie sie von Gartenbaubetrieben noch bis in die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts betrieben worden ist, entsprach weitgehend der Reckinschen Methode der Schwarzerde-Herstellung, nur mit dem Unterschied, dass keine gezielte Zugabe von Holzkohle erfolgte. Schon damals wurden Pflanzenabfälle und organische Dünger abwechselnd mit Auflagen von ton- und lehmhaltigem Bodenmaterial zu Mieten aufgeschichtet und gerottet. Temperaturen einer Heißrotte wurden dabei nicht erreicht und auch nicht angestrebt, denn die Hygienisierung stand nicht im Vordergrund, weil sie meist durch nachfolgende Dämpfung der Substrate gewährleistet wurde. Die Volumenreduzierung fiel – wie bei Reckins Schwarzerde – gering aus. Die Gehalte an organischer Substanz erreichten allerdings nur Werte um 10 %. Mit dem Großeinsatz vor allem von Torf für gärtnerische Substrate verlor dieses Verfahren an Bedeutung.

Mit der großtechnischen Verwertung von Pflanzen- und Bioabfällen kamen professionelle Kompostierungsverfahren zum Einsatz, die sich von der klassischen Kompostierung durch eine schnelle Rotte bei hohen Temperaturen, eine deutliche Volumenreduzierung und hohe Gehalte an organischer Substanz der Endprodukte von 30 % und mehr unterscheiden.

Ein Vergleich der Schwarzerde-Herstellung und der professionellen Kompostierung ist deshalb nur eingeschränkt möglich: Die aktuelle professionelle Kompostierung ist ein ausgesprochen kostengünstiges Verfahren, um Grüngut in großen Mengen (bundesweit jährlich ca. 6 Mio t) für die Düngung und Bodenverbesserung in Landwirtschaft und GaLaBau zu konditionieren und damit einer ökonomisch vertretbaren Nutzung zuzuführen. Die Volumenreduzierung bewegt sich dabei mit im Mittel 50 % noch im tolerierbaren Rahmen. Die Schwarzerde-Herstellung – so wie sie Reckin darstellt – ist dagegen ein Premiumverfahren für Hobbygärtner, bei dem mit erheblichem Aufwand (Zusätze an Holzkohle, Ton, Urgesteinsmehl u.a., dazu erhebliche Nährstoffzufuhren) geringe Materialmengen von Hand für den Kleingartenbereich verarbeitet werden. Die dafür aufzuwendenden hohen Kosten wären unter Bedingungen professioneller Betriebe sehr wahrscheinlich nicht zu tragen.

Bei der professionellen Kompostierung müssen gesetzliche Auflagen der Bioabfall-Verordnung erfüllt werden. Zur Sicherung einer einwandfreien Hygiene des Endproduktes (Freiheit von human-und phytosanitären Keimen sowie von Unkrautsamen) ist eine Rotte-Temperatur von min. 55 oC über eine Wo- che, meist sogar 65 oC (!) zu gewährleisten. Nur dadurch sind die unumgänglichen Rotteverluste zu erklären.

Bei der Schwarzerde-Herstellung scheinen diese Auflagen offenkundig nicht zu gelten. Die Rotte verläuft vermutlich (Daten über Temperaturverläufe liegen nicht vor) bei recht niedrigen Tempera- turen (vermutlich <40 oC), bei denen noch keine Rotteverluste auftreten. Zur Hygiene des Endproduktes sind keine Aussagen bekannt. Darüberhinaus: Die nachhaltige Humuswirkung professioneller Komposte ist – im Gegensatz zu den Ausführungen Reckins – in der Fachliteratur vielfach dokumentiert[9]. Zu den gesicherten Ergebnissen gehört, dass die Humusgehalte der Böden mit regelmäßigen Kompostgaben signifikant und auch dauerhaft angehoben werden können, selbst auf leichten, sandigen Böden. Das liegt u.a. auch daran, dass professionelle Komposte einen hohen Anteil an inertem Kohlenstoff (ca. 50 % des gesamten Kohlenstoffs) aufweisen, der – ähnlich wie in der Schwarzerde – kaum abgebaut wird und damit mittelfristig wirksam bleibt. 3. Zum Einfluss der Mikroorganismen, Endozytose
Reckin hebt hervor, dass die Schwarzerde über eine ausgesprochen hohe biologische Aktivität und ein reges Bodenleben verfügt und dies auch auf andere Bodenbereiche überträgt. Das ist angesichts der Impfung mit Mikrobenkulturen und der sicher üppigen Nährstoffzufuhr (genaue Angaben sind nicht bekannt) durch Pflanzenjauchen, Stalljauchen u.a. Nährstoffträger auch nicht anders zu erwarten. Jedoch: Auch professionell gerottete Komposte verfügen über ähnliche vorteilhafte Wirkungen und för- dern das Bodenleben – wie langjährige Praxisversuche gezeigt haben – nachhaltig (siehe Fussnote 9). Märchenhaft muten jedoch die Erläuterungen Reckins an, wenn er von der erstaunlichen Fähigkeit der Schwarzerde berichtet, eine „Vollwerternährung“ der Pflanzen durch die Aufnahme lebender Mikroorga- nismen zu gewährleisten: Die Tatsache der Endozytose[10], nach der Pflanzenwurzeln sich auch von lebenden Einzellern, Bodenpilzen und Bodenbakterien ernähren können[11], wird von Reckin dabei zu einer erstaunlichen Hypothese „erweitert“ (zit):

Wir verstehen nun auch besser, warum die Indio-Schwarzerde so beispiellos fruchtbar ist: Sie ist unübertroffen reich an pflanzlichen und tierischen Einzellern, Bodenpilzen und Bodenbakterien, die die Pflanzen nach diesen neuen Erkenntnissen als Nahrungsquelle auf ganz direktem Wege nutzen können.

und

Ein ganz besonderes Phänomen scheint auch zu sein, dass sich dieser Reichtum an Mik- roben bei vernünftigem Umgang mit der Indio-Schwarzerde praktisch nie erschöpft – eine Art „Tischlein-deck-dich“ für die Pflanzen, das kein Ende hat.

Ausgehend von dieser Erkenntnis stellt Reckin gleich noch die gesamte Theorie der Pflanzenernährung infrage, die auf der Aufnahme anorganischer Nährstoffionen durch die Pflanze basiert, und attestiert der Fachwissenschaft, dieses Phänomen schlicht übersehen zu haben (zit):

Damit ist sicher, dass Pflanzen über eine ganz direkte Art der „Vollwert-Ernährung“ verfügen, die der Forschung bisher völlig entgangen ist und viel fantastischer, natürlicher und einfacher funktioniert, als uns die Hochschullehre bisher vermittelt hat! Ebenso sicher ist auch, dass die Kapitel über Pflanzenernährung und Stoffbildung in Pflanzen in den Lehrbüchern der Universi- täten und Hochschulen zur Makulatur geworden sind und völlig neue geschrieben werden müssen.

Bei einer sachlichen Analyse ergibt sich dagegen folgendes Bild[12]: Ohne Zweifel können Mikroorganismen in Wurzelzellen eindringen (Endozytose). Dazu müssen sie aber erst die Zellwandbarrieren durchdringen, die normalerweise den Schutz der Wurzelzellen vor mikrobiellen Krankeitserregern gewährleisten. Das gelingt nur an bestimmten Stellen (Verzwei- gungsstellen der Wurzel), an denen die Endodermis vorübergehend etwas durchlässig ist. Belegt ist allerdings nur in vitro (siehe Fussnote 8), dass Wurzelzellen bestimmte Mikroorganismen (E. coli, S. cere- visiae) aufgenommen haben, wenn die Zellwand vorher durchlässig gemacht wurde (!). Dabei haben die Pflanzen Stickstoff aus den Mikroorganismen verwertet. Die Versuche, auf die sich Reckin beruft, haben also die Möglichkeit einer Direktaufnahme von Mikroorganismen nur in vitro bewiesen. Sie sagten nichts darüber aus, ob Pflanzen unter praktischen Verhältnissen direkt und vollständig auf diese Weise ernährt werden können. Derzeit ist davon auszugehen, dass Pflanzen für eine ausreichende Ernährung und optimale Ertragsbildung mineralische Nährstoffmengen aufnehmen müssen, die um den Faktor 10 über der (wahrscheinlichen) Zufuhr mittels Mirkoorganismen liegen. Dabei ist es relativ gleichgültig, ob diese Zufuhr konventionell über Mineraldünger, organische Dünger oder auch über Schwarzerde erfolgt. Denn auch die Schwarzerde enthält durch Abbau organischer Substanzen zweifellos erhebliche Mengen an Pflanzennährstoffen. Die Annahme von der „Vollwerternährung“ der Pflanzen durch Aufnahme lebender Mikroorganismen aus Schwarzerde ist damit nicht durch fachliche Belege gedeckt. Und: Die bisherigen wissenschaftlichen Grundlagen der Pflanzenernährung sind keineswegs überflüssig geworden.

4. Schwarzerde – was ist drin an Nähr- und Wertstoffen?
Diese Frage wird von Protagonisten des Terra-Preta-Verfahrens nie konkret beantwortet, weder von Reckin noch von anderen Vertretern (z.B. „Wendepunktzukunft e.V.“ siehe Fußnote3, „Palaterra“- Produkte[13]). Alle beschreiben nur – ohne Angabe von Nährstoffzufuhren – die erstaunlich guten Wirkungen der Schwarzerde auf das Pflanzenwachstum, die von keinem anderen Produkt erreicht werden würden.

Reckin berichtet aus seinen Beobachtungen (zit.):

Der Boden ist heute, nach nicht einmal 5 Jahren, nicht wieder zu erkennen – so über- raschend fruchtbar ist er geworden. Es lohnt sich auf diesem vormals reinem „Karnickelsand“ wieder, beinahe jedes Gemüse und Obst anzubauen – und es ist eine wahre Freude!

Und die Profis von „Palaterra“ stehen da nicht nach, loben ihre patentierte Schwarzerde (zit. nach Fußnote 1):

Die Pflanzen wachsen viel schneller, die Früchte werden viel größer. Und da war klar, das ist der richtige Weg.

Wichtige Fragen zu Produkteigenschaften und Anwendung der Schwarzerde werden jedoch nicht beantwortet: Wie hoch sind die Nährstoffgehalte der Schwarzerde, wie hoch ihre löslichen Anteile? Angesichts der zahlreichen Zugaben (Pflanzenjauchen, Urin, Stalljauche, geschlämmter Dung von Haustieren usw.) in unbekannter Höhe ist zu vermuten, dass die Schwarzerde mit Nährstoffen hoch aufgeladen ist. Während jeder Hersteller von Komposten und Blumenerden per Gesetz verpflichtet (!) ist, seine Produkte nach Düngemittel-Verordnung zu deklarieren und damit z.B. konkrete Auskunft über Nährstoffgehalte und ihre Pflanzenverfügbarkeit zu geben, sind von Terra-Preta-Produkten keine Daten bekannt.

Unterschreiten die Schwermetallgehalte in Schwarzerden die gesetzlichen Grenzwerte der Düngemittel-Verordnung?

Auch wenn Schwarzerden nur aus natürlichen Ausgangsstoffen hergestellt werden, enthalten sie bestimmte Anteile an Schwermetallen. Die entsprechenden Grenzwerte der Düngemittel-Verordnung werden wahrscheinlich eingehalten. Trotzdem müsste das – im Sinne der Gleichbehandlung mit allen übrigen Dünge- und Bodenverbesserungsmitteln – auch für Schwarzerden konkret nachgewiesen werden. Schwarzerden sind nicht automatisch problemlos, weil sie nach Meinung ihrer Befürworter per se „gut“ sind.

Mit welchem Nährstoffaufwand werden die erstaunlichen Wachstumsleistungen erreicht? Welche Nährstoffmengen werden mit Regelgaben an Schwarzerde ausgebracht? Reckin empfiehlt, die Schwarzerde in einer Schichtdicke von 3 – 5 cm auf den Boden aufzubringen und etwa 25 cm tief einzuarbeiten. Legt man eine ähnliche Rohdichte wie bei Komposten zugrunde, dann werden etwa 180 – 300 t/ha Frischmasse aufgebracht. Das sind – ganz sicher wirksame, aber auch – exorbitante Gaben, jenseits von jeder „guten fachlichen Praxis“, an die sich z.B. Landwirte und Gärtner halten müssen. Sie dürfen nach Bioabfall-Verordnung nur maximal 30 t/ha Kompost-Trockenmasse entsprechend etwa 50 t/ha Kompost-Frischmasse im 3jährigen Turnus aufbringen (!). Sie sind zudem gemäß Dünge-Verordnung verpflichtet, die Nährstoffzufuhren mit den Kompostgaben in der betrieblichen Nährstoffbilanz anzurechnen. Fällt die Bodenversorgung an Nährstoffen hoch aus, müssen sie die Gaben reduzieren, damit es nicht zu Überhängen z.B. an Phosphor oder Kalium kommt.

Damit kommt man dem Geheimnis der „erstaunlichen Wirkungen“ der Schwarzerde auf das Pflanzenwachstum, von dem Reckin u.a. Protagonisten berichten, sicher etwas näher: Mit exorbitant hohen Gaben und vermutlich noch höheren Nährstoffzufuhren (konkrete Daten fehlen) wird ein üppig ausgestattetes Substrat erzeugt, in dem die Pflanzen Verhältnisse einer Luxusversorgung vorfinden, wie sie in der regulären Praxis, nicht zuletzt auf Grund der gesetzlichen Restriktionen, gar nicht möglich und meist auch aus Kostengründen nicht zu realisieren sind. Zweifellos hat eine solche Pflanzerde, wie die Erfahrungen von Reckin belegen, ihren Charme, erfreut jeden Gärtner, scheint einfach ideal und anstrebenswert. Zumal diese erstaunliche Erde auch noch wandert, sich in weitere Gartenbereiche ausdehnt, regelrecht ein Wunder (zit.):

Es konnte beobachtet werden, dass gute Schwarzerde nicht nur dort bleibt, wo wir sie anwenden – sie scheint zu „wandern“, also sich auch auf bisher unbehandelte Stellen im Garten auszubreiten : Offenbar ist sie „ansteckend“, sie scheint ungünstigere Böden mit Fruchtbarkeit zu „infizieren“ – ein erstaunliches Phänomen, über das wir bisher nur spekulieren können!

Auch dafür ist eine rationale Erklärung denkbar: Durch die üppige Nährstoffversorgung und das rege Bodenleben „wandern“ Kleinlebewesen (z.B. Regenwürmer) in benachbarte Bereiche aus und „schleppen“ Teile der Schwarzerde dorthin.

5. Resümee und Ausblick
Mit diesen kritischen Hinterfragungen sollen mögliche Vorzüge der Schwarzerde nicht negiert werden. Reckins Arbeiten und Beobachtungen sind durchaus wertvoll. Trotzdem bedürfen einige seiner Aussagen und Schlussfolgerungen, wie diese Anmerkungen zeigen, noch der wissenschaftlichen Verifikation. Nicht zu unterschätzen sind vor allem die Möglichkeiten, mit Holzkohle den Abbau organischer Substanz im Boden zu bremsen und Nährstoffe durch Adsorption zu binden und dadurch vor schneller Auswaschung zu bewahren. Das kann sowohl der Bodenverbesserung (Humusaufbau) als auch der dosierten Ernährung der Pflanzen dienen.

Trotzdem muss sich auch die Terra-Preta-Technologie an den Regeln, die in Landwirtschaft und GaLaBau gelten, messen lassen. Nur weil sie per se „gut“ ist, setzt das noch nicht Gesetze außer Kraft, die für jede andere Art der Bodenbewirtschaftung gültig sind. Für eine sachliche Diskussion wäre es deshalb vorteilhaft, auf die Mystifizierung der Terra Preta, die Geschichtenvon den „wundersamen Wirkungen“, dem „Tischlein-deck-dich“ usw., so schön sie den Befürwortern klingen mögen, zu ver- zichten und stattdessen Fakten zu Nährstoffgehalten, optimalen Gaben und vor allem Nährstofffrachten vorzulegen. Wichtig wären auch nachvollziehbare Vergleiche mit anderen Bodenverbesserungsmitteln, wie Komposten, Gärprodukten u.ä., d.h. die wissenschaftliche Prüfung mit Hilfe von Forschungsprojekten. Wenn sich dabei die beschriebenen Vorzüge der Terra-Preta- Technologie bestätigen sollten – auch zu vertretbaren Kosten für Landwirte und Gärtner (!) –, dann steht nichts mehr im Wege, diesem Verfahren zum Durchbruch zu verhelfen.

Reckins Arbeiten bilden allerdings, bei aller Wertschätzung, erst eine Vorstufe zu den Aufgaben, die noch gelöst werden müssen. Seine Erfahrungen sind sicher geeignet, Hobbygärtner beim Einsatz von Schwarzerde im kleinen Maßstab zu unterstützen. Für die Nutzung im professionellen Ackerbau, dem Einsatz auf großen Flächen, bieten sie, wie die kritischen Anmerkungen unterstreichen, noch keine ausreichende Grundlage.

[1] ZDF-Dokumentation „Die Wiederentdeckung der Terra Preta“, gesendet 12.11.2011. Autor Schriftsteller Ingo Schulze unter Mitarbeit von Christine Traber. [2] Rainer Kluge: „’Terra Preta’ – ein grüner Mythos“, in: NovoArgumente Online / 20.07.2012, 7 Seiten. [3] WendepunktZukunft e.V., Hauptstraße 6, 29471 Gartow; www. wendepunktzukunft.org. [4] Jürgen Reckin: „Terra Preta, die legendäre Schwarzerde der Indios von Amazonien“, in: NATÜRLICH GÄRTNERN & ANDERS LEBEN – Mai/Juni 2012, Organischer Landbau Verlag, 11 Seiten. [5] www.wikipreta.org/: „Holzkohle wirkt als Katalysator“. [6] Katrin Kuka: Modellierung des Kohlenstoffhaushaltes in Ackerböden auf der Grundlage bodenstrukturabhängiger Umsatzprozesse. Dissertation, Martin-Luther-Universität Halle- Wittenberg, (2005). [7] Sie sind zudem meist hoffnungslos überdüngt, siehe auch: Grantzau, E. (2008) “Warum sind viele Gartenböden stark überdüngt?” Gartenpraxis 6/2008 S. 46 – 49. [8] persönliche Mitt. von Dr. Reinhold, Stahnsdorf. [9] z.B. „Nachhaltige Kompostanwendung in der Landwirtschaft“, Forschungsprojekt des Ministeriums Ländlicher Raum Baden-Württemberg, Auftragnehmer: Landwirtschaftliches Technologiezentrum Augustenberg-LTZ-; Abschlussbericht (2008), Hrsg. und Bezug: LTZ Augustenberg, Nesslerstraße 23-31, 76227 Karlsruhe. [10] Fähigkeit von Wurzelzellen, sich durch einen Einstülpungsvorgang ihrer Biomembran lebende Einzelzellen (z.B. Bakterien), bestimmte darin gelöste Substanzen, Makromoleküle oder größere Nahrungsteilchen bis hin zu kleineren anderen Zellen, einzuverleiben. [11] Paungfoo-Lonhienne C, Rentsch D, Robatzek S, Webb RI, Sagulenko E, et al. (2010) Turning the Table: Plants Consume Microbes as a Source of Nutrients. PLoS ONE 5(7): e11915. doi:10.1371/journal.pone.0011915, siehe www.plosone.org/article/info%3Adoi%2F10.1 371%2Fjournal.pone.0011915 [12] persönliche Mitt. von Prof. Dr. Heiner E. Goldbach, Universität Bonn, Institut für Nutzpflanzenwissenschaften und Ressourcenschutz, Bereich Pflanzenernährung – INRES-, Karlrobert-Kreiten-Strasse 13, 53115 Bonn. [13] Palaterra GmbH & Co. KG, Hofstrasse 5, 67822 Hengstbacherhof; Vertrieb von „Palaterra®1“ (Kultursubstrat) und „Palaterra®2“ (Bodenaktivator).

Karlsruhe, den 28.09.2012 Autor: Dr. Rainer Kluge

Dr. Rainer Kluge

15 comments

  1. Henry Winkelmann

    Ein inhaltlich wirklich guter Artikel.
    Schade finde ich nur die formale Ausführung mit einer deutlich überhöhten Altlast an vereinsamten, nutzlosen Trenn-zeichen-im-Text-fluß.

      • Henry Winkelmann

        Hallo Daniel,
        gut das ich so früh meinen Kommentar abgegeben habe, sonst wäre ich wohl in den Strudel der weiteren Kommentare geraten und am Ende dann voll schwindelig aus dem Blog gefallen ;)
        Dank sei dem RSS Feed – so kann der frühe Vogel seinen Wurm fangen…

  2. Dr. Manfred Munzert

    Dr. Kluges Kommentar stimme ich vollinhaltlich zu. Es wird Zeit, dass die Terra-Preta-Enthusiasten für ihre Hypothesen wissenschaftlich begründete Belege vorlegen. Es ist ja kaum mehr zu ertragen, mit welcher Inkompetenz und Naivität die “Versuchsansteller” an das Thema herangehen.

  3. Hans Söhl

    Liebe Mitleser,
    Ich hab mir überlegt wie man auf diesen Kommentar antworten sollte, aber ich lasse es sein da es keinen Sinn macht mit den Herrn Doktoren zu diskutieren. Die Wissenschaftliche Elite kann aber sehr gut Kritik ohne Konstrukt liefern…..
    Ja ich bin auch einer von den naiven, inkompetenten „Versuchsanstellern“ … den Sie wissen nicht was Sie tun…. und haben auch noch Erfolg dabei, ist schon gemein…

    Vielen Dank an Herrn Dr. Reckin für seine praktische und hilfreiche Arbeit die ich sehr schätze.

    • Daniel Oliver Habenicht

      Lieber Hans Söhl,

      vielen Dank für den ehrlichen Kommentar. Vielleicht macht es keinen Sinn mit den Herren Doktoren zu diskutieren, vielleicht aber auch doch. Auf jeden Fall sind hier noch viele andere Lesende, die über erweiternde Erfahrungen und Gedanken sehr dankbar sind. Ich bin es jedenfalls und ich würde mich über einen breiten Diskurs freuen. Wenn Sie anderweitige oder ähnliche Erfahrungen gemacht haben, können Sie diese gerne berichten. Entweder als Kommentar oder auch als Artikel. Nur wenn wir unser Wissen teilen können wir es mehren.

      Beste Grüße

      Daniel Oliver Habenicht

      • Erich Grantzau

        Glückwunsch Herr Habenicht!
        Eine derart offene und konstruktive Diskussion um die Terra Preta hatte ich hier nicht erwartet.
        Ich möchte die Notwendigkeit einer nachvollziebaren und belastbaren wissenschaftlichen Bearbeitung aller Fragen um die Terra Preta ganz ausdrücklich begrüßen.
        Wer langjährig genutzte Gartenböden bei uns untersucht, der findet übrigens die gleichen Zutaten wie bei den Indios am Amazonas. Die dunklen und humusreichen Böden der Gärten weisen Anteile von Holzkohle und Scherben auf. Ist das die Terra Preta Europae?
        Zahlreiche systematische Untersuchungen der Gartenböden zeigen, daß diese Flächen bis zu 80 % hoch bis extrem hoch mit Nährstoffen versorgt sind. Unter unseren Klimabedingungen ist damit zu rechnen, daß ab einem Humusgehalt von ca. 4% mit einer erhöhten Nitratauswaschung zu rechnen ist. Wenn Holzkohle in der Schwarzerder beispielsweise in der Lage ist, Nitrat sorptiv zu binden, dann wäre das eine hoch interessante Sache, die dringend einer gründlichen – also wissenschaftlichen – Bearbeitung bedarf.
        Laßt die Wissenschaftler also arbeiten, denn alle Fragen bezüglich der Nährstoffsituation und Nährstoffwirkungen im Zusammenhang mit der Terra Preta sind schlicht und einfach bisher nicht beantwortet.
        Daran ändern auch die zahlreichen Internetauftritte von Herrn Pieplow und Herrn Heckel nichts.

  4. Dr. Rainer Kluge

    Lieber Herr Söhl,
    ich schätze, wie auch Sie, Herrn Dr. Reckin, vor allem seine ehrliche Begeisterung für die Terra Preta und seine kreativen Ideen. Meine moderaten kritischen Anmerkungen, die ich ihm lange vor dieser Veröffentlichung privat zugeleitet hatte, hat er wie folgt beantwortet (zit.) “er hoffe, dass bald Möglichkeiten gefunden werden können, manche zunächst hypothetischen und teilweise spekulativen Angaben und Bemerkungen auch konkreter zu belegen.” Genau darum geht es! Wir sollten, bei aller Begeisterung für die Möglichkeiten des Terra-Preta-Verfahrens, gemeinsam dazu beitragen, belastbare Ergebnisse zu seinen Wirkungen auf die Bodenfruchtbarkeit voranzubringen. Dazu eignen sich nicht nur wissenschaftliche Untersuchungen noch offener Fragen. Auch praktische Erfahrungen, wie Ihre eigenen, sind wichtig und wertvoll. Ich würde mich freuen, wenn Sie bereit wären zu erkennen, das es doch Sinn macht, “mit den Doktoren zu diskutieren”.

  5. Erich Grantzau

    Prima, daß nun die Position von Marko Heckel hier auch nachzulesen ist!
    Uneingeschränkte Zustimmung was die Bestrebungen von Herrn Heckel zur systematischen Recyclierung der “Toiletteninhalte” betrifft.
    Dabei ist die Frage, wie das vor allem in den Ballungszentren zu berwerkstelligen ist, für mich nicht geklärt.
    Jedenfalls halte ich es für richtungweisend, wenn die menschlichen Hinterlassenschaften nicht mehr nur und ausschließlich aus der Schadstoff- und Giftperspektive betrachtet werden.
    Die schönen daten- und faktenfreien Grafiken sind jedoch nicht geeignet, die Fragen nach belegten und nachvollziehbaren Fakten in Sachen Terra preta zu beantworten.
    Erich Grantzau

    • Hans Söhl

      Es sind Sätze wie diese: „Es ist ja kaum mehr zu ertragen, mit welcher Inkompetenz und Naivität die “Versuchsansteller” an das Thema herangehen.“ die eine Diskussion in Frage stellen!
      Eine Kritik sollte doch Sachbezogen sein und möglichst etwas Konstruktives beinhalten. Natürlich ist es wünschenswert Wissenschaftliche Grundlagen zu erarbeiten, um den Einsatz von Pflanzenkohle möglichst optimal zu gestalten. Dazu wird es nötig sein, praktische Arbeiten wissenschaftlich zu begleiten und von der gegenseitigen Belehrung abstand zu nehmen. Was nützen die besten Wissenschaftlichen Ergebnisse wenn diese in der Praxis nicht umgesetzt werden und genau so ist es für den Praktiker ab einem bestimmten Niveau nicht mehr möglich, ohne wissenschaftliche Begleitung seine Arbeiten weiter zu entwickeln.

  6. Rainer Sagawe

    Der Kommentar von Rainer Kluge läßt eines außer acht: Die Förderung der Lebendigkeit des Bodenlebens durch Terra Preta. David R. Montgomery beschreibt in seinem Buch “Dreck, warum unsere Zivilisation den Boden unter den Füßen verliert” die “Herde unter der Erde”.

    Bakterien, Pilze und Algen; Geißeltierchen und Wimpertierchen; Rädertiere, Milben und Springschwänze; Borstenwürmer, Schnecken, Käfer, Kerbtiere, Vielfüßler und schlußendlich Zweiflügellarven und Regenwürmer beschreiben nur einen Teil dieses Kosmos unter der Erde.

    Die Förderung dieser Lebendigkeit des Bodens scheint mir das Entscheidende zu sein. Die Interaktion dieser Lebewesen untereinander und die unterschiedlichen Symbiosen mit den Pflanzen bergen das Geheimnis der Fruchtbarkeit. Wenn wir nur bei der Beschreibung der Gehalte von Kali, Phosphor und Stickstoff stehen bleiben, so lässt dies die Wirkmächtigkeit des Lebendigen im Boden außer acht.

    Was da alles den Reigen des Lebens miteinander tanzt, wie die Teilnehmer dieses Mikrokosmos miteinander agieren, diese Forschungen sind mit Aufkommen des Kunstdüngers Ende der 50er Jahre eingestellt worden und werden gerade erst wieder aufgenommen.

    Es soll Bakterien geben, die “Klebstoffe” erzeugen, die für den Zusammenhalt der Bodenkrume nützlich sind. Es soll Mikroorganismen geben, die in der Lage sind, Materie zu einer Art Holzkohle umzuwandeln. Dies könnte eine Erklärung für das Phänomen sein, dass Terra Preta nachwächst. “Terra Preta muss gefüttert werden”, so lautet die These.
    Ich bin davon überzeugt, dass es bei der Zusammensetzung und Besiedlung der Terra Preta eine unendliche Vielfalt von Kombinationen gibt. Die unterschiedlichsten Variationen von Zutaten nach Art und Menge erzeugen unterschiedliche Lebensbedingen unter denen sich die verschiedenen Bodenlebewesen unterschiedlich entfalten. Hinzu kommen die Wechselwirkungen mit den Haarwurzeln der jeweiligen Pflanzen. Dass Pilze und Pflanzen über symbiotische Wechselwirkungen Nährstoffe und Wasser miteinander tauschen, ist bekannt. Hinzu kommen die Ausscheidungen der Klein und Kleinstlebewesen, kann man diese als eine Art “bodeninterne Düngung” werten? Welche Bodenlebewesen fangen was mit welchen Ausscheidungen an? Wer weiß etwas über die Details?

    Bei aller Unterschiedlichkeit der verschiedenen Terra Preta Lebensräume scheint sich jedoch herauszukristallisieren:

    1. Eine vorab stattfindende anaerobe Fermentation (saurer Bereich) schafft gute Bedingungen für die anschließende Belebung in der aeroben Phase.
    2. Terra Preta, angewandt als 20 bis 30 cm starke Bodenart, sollte gut feucht gehalten werden
    3. Terra Preta sollte “gefüttert” also gemulcht werden.
    4. Eine Terra Preta sollte immer bepflanzt sein.

    Folgt man diesen Leitplanken, erzielt man in der Regel gute Ergebnisse. Warum das so ist, wissen wir erst ansatzweise und ich wünsche mir, dass Wissenschaft und angewandte Wissenschaft uns hier demnächst mehr Erkenntnisse liefern.

  7. Daniel Oliver Habenicht

    Ein Grundproblem scheint mir zu sein, dass unausgesprochene Diskrepanzen auf dem Weg der Erkenntnis lauern. Die allgemeine “herrschende” Wissenschaft ist oft eine Wissenschaft des herrschenden Systems, in dem nachweislich Ansätze, die dem herrschenden System zuwiderlaufen, unterdrückt oder ignoriert werden. Einem Freund von mir (Doktor der Physik) ist beispielsweise im Studium angeraten worden, er solle lieber Sozialpädagogik studieren, weil er sich mit Nikolas Tesla beschäftigte.

    Die Landwirtschaft ist eng verwoben mit den großen Wirtschaftszweigen unseres Wirtschaftssystems. Das bedeutet, dass jede Änderung im landwirtschaftlichen Alltag auch diese Wirtschaftszweige beeinflussen kann. Die hart erkämpften Stellungen am Markt müssen jedoch verteidigt werden. Und so hat sich ein weites Netz an „Bewegungsmeldern“ und „Netzausbauern“ gebildet, die in allen Bereichen der Landwirtschaft dafür sorgen, den Status der „Großen“ zu erhalten. Sei es bei der Agro-Chemie oder bei der Pedro-Chemie oder eben auch in der Wissenschaft.

    Das birgt meiner Meinung nach zweierlei Problemstellungen:
    1.Die landwirtschaftliche Praxis wird durch Fremdinteressen beeinflusst.
    2. Es wird eine Form von „Herrschaftswissen“ aufgebaut wo nur Eingang findet, was dem herrschenden System dient.

    Das sind Phänomene die – unabhängig von dem was mensch vom aktuellen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem hält – einen gemeinsamen Erkenntnisweg erschweren.

    Menschen, die nicht auf die oben angedeuteten Wirtschaftszweige angewiesen sind und sich losgelöst der Zwänge mit den selben Problemen beschäftigen, kommen oft zu anderen Ergebnissen und verbreiten diese ganz Frank & Frei in ihrem Umfeld. Dabei ist ihnen Objektivität, Reproduzierbarkeit und „return of invest“ oft ziemlich gleichgültig. Ich nenne das mal Erfahrungswissen. Beide Richtungen – Wissenschaft und Erfahrungswissen – haben wichtige Erkenntnisse für die Menschheit geliefert. Das wird gerade an der Terra Preta sehr deutlich: Terra Preta wurde von Menschen ohne wissenschaftliche Begleitung hergestellt und doch brauchen wir heute die Wissenschaft um diese Erkenntnisse in unser Wirtschaftssystem zu integrieren. Beide Seiten haben aber auch ihr Blendwerk und ihre Fallstricke. Es muss jedoch nicht auf eine dieser Richtungen besonders herumgehackt werden, denke ich …

    Beim Verein Wendepunktzukunft wirken beide Ansichten und Herangehensweisen neben einander und müssen immer wieder neu verhandelt werden. Das scheint mir ein guter Weg zu sein.

    Beste Grüße

    Daniel Oliver Habenicht

    • Henry Winkelmann

      Hallo Daniel,
      sehr wichtiger Hinweis !!!
      Die Interessen der Großen und Mächtigen werden bei dem Scharmützel hier bisher völlig außer acht gelassen.
      Ich kann mir gut vorstellen, das in einigen Jahren alle mit auf den Zug aufspringen, die es ja schon immer gewusst haben. So wie am Anfang der Solarenergie in Deutschland nur Müsli essende Spinner am Werk waren… und heute werden Milionen €’s bewegt.

  8. Erich Grantzau

    Ein schöner Rundumschlag, den Sie da bezüglich der Bodenbiologie und was wir darüber aus Ihrer Sicht alles nicht wissen, abliefern, Herr Sagawe.
    Die organische Substanz und die Vielfältigkeit des Bodenlebens war für die Agrarwissenschaftler nie ausgeblendet wie Sie anklingen lassen.
    Das können Sie sehr leicht erkennen, wenn Sie die diverse Literatur zur Bodenkunde und Bodenbiologie ansehen.
    Eines der Standardwerke für Bodenkundler ist das “Lehrbuch der Bodenkunde” der Scheffer/Schachtschabel.
    Auch in den älteren Auflagen dieses Lehrbuches spielte die Zufuhr von organischer Substanz und deren Wirkung auf die Bodenbiologie und die daraus resultierende Fruchtbarkeit eine große Rolle.
    Nun wird nicht jeder, der mit Begeisterung das Gemüse im eigenen Garten anbaut zuvor ein Lehrbuch der Bodenkunde zu Rate ziehen.
    Dennoch, trotz aller Begeisterung für die ungeheure Vielzahl an hilfreichen Organismen in den Böden, muß auch die Frage nach der sachgerechten Anwendung jeglicher Art von Düngern in den Gärten gestellt werden.
    Fakt ist nun einmal, das bis zu 80% der Gartenböden hoch bis extrem hoch mit Nährstoffen angereichert sind. Diese teilweise extreme Überdüngung ist ganz vorrangig durch zu hohe Kompostgaben geschehen.
    Untersuchungen zeigen übrigens, das langjährig genutzte Bauern- und Hobbygärten in gleicher Weise gekennzeichnet sind wie die Terra Preta Amazoniens, also: dunkle, humusreiche Böden bis in Tiefen von 90 cm und mehr, mit Anteilen von Kohle und Scherben.
    Die entscheidende Frage ist jedoch, ob und wieviel Nitrat u.a. Mineralstoffe aus diesen Gartenböden, den “Terra Preta Europae” in das Grundwasser ausgewaschen werden. Vor diesem Hintergrund müssen wir unsere Betrachtungen auch über den Boden hinaus auf die Trinkwasservorkommen in den tieferen Etagen unserer Erde richten. Und das gilt ganz unabhängig davon, ob wir unseren Böden Gutes tun mit Kohle und diversen weiteren Ingredientien wie Kompost, Ton, Gesteinsmehl, effektive Mikroorganismen usw. usw.
    Die Nährstoffzufuhr zu den größtenteils stark überdüngten Gartenböden muss den inzwischen gängigen Prüfverfahren hinsichtlich des Umwelt- Boden- und Grundwasserschutzes standhalten.

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