Kategorie: Humusaufbau

Bericht vom Stammtisch zum Thema “Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaften”

Bei schönem, bisweilen sogar sonnigem Wetter trafen wir uns am 10.Juni auf dem Hof von Elisabeth, Rachel und Marie in Naulitz, die dort mit Pferden ihren Gemüse-Acker bewirtschaften und im letzten Jahr erste Erfahrungen mit der “Vermarktung” ihres Gemüses in Form einer Verbraucher-Erzeuger-Gemeinschaft sammeln konnten. Das war auch das Thema des Stammtischs: Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaften. Alle waren wir uns natürlich einig, dass direkte Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaften für alle die beste Sache ist. Die Kunden wissen, woher “Ihr” Gemüse, Fleisch, Brot etc. kommt und die Erzeuger wissen, an wen Ihre Produkte gehen. Es bleibt in der Region und es kann sogar langfristig über andere Formen von Geld, Gutscheinen oder Tauschgeschäften nachgedacht werden. So wird von Beteiligten bei Wendepunktzukunft überlegt, ein regionales Gutscheinsystem einzuführen, um die Region mehr zu fördern, evtl. in Zusammenhang mit der Dan-Ke-Initiative, um auch politisch auf den Landkreis aufmerksam zu machen und die Region “Landkreis” zu stärken. Mehr Infos dazu gibt es sicherlich demnächst von den Wendepunktzukunft-Leuten. Weiterlesen

Bckh

Bericht vom Stammtisch in Stütensen, 21. April 2012

Im Rahmen der – nicht immer – monatlichen Stammtische organisierte Reiner von Kamen vom Bauckhof Stütensen einen Workshop zum Thema Humus, eine Chance für Klima und Erde.

Mit rund 40 Interessierten schauten wir, nach einer wunderschönen Einleitung von Herrn Kamen, Ausschnitte aus dem Film: „Humus“, präsentiert von Jakob Schererz. Er leitete auch die gefolgte Diskussion über die unterschiedlichen Möglichkeiten des Humusaufbaus. Da sich wohl hauptsächlich praktisch orientierte Menschen im Saal befanden, wurde sich angeregt und gewinnbringend ausgetauscht. Es zeigte sich, dass die Bereitschaft zu neuen Wegen, sowohl für die anwesenden Gärtner als auch für die Landwirte, erfreulich hoch ist.

Das größte Problem zeigte sich eher in der Vorstellung, Humusaufbau in den wirtschaftlichen Alltag zu integrieren. Viele Hürden müssen bis dahin noch genommen werden. Seien sie wirtschaftlich oder rechtlich. Und auch das derzeitige Wirtschaftssystem ist auf eine humusaufbauende Landwirtschaft nicht vorbereitet. Hier sollten wir verstärkt unsere Aufmerksamkeit bündeln. Auch wenn an diesem sonnigen Samstag keine Lösung für das wirtschaftliche Problem gefunden werden konnte, so wurden doch Anregungen in Richtung freiwillige CO2-Zertifikate und Erzeuger-Verbraucher-Genossenschaften (Beispiel Bremen) diskutiert. Beim nächsten Stammtisch sollten wir uns intensiver mit diesen Alternativen auseinandersetzen.

Nach der anregenden Diskussion und einer Kaffee-Pause – mit leckersten Kuchen, gespendet vom Bauckhof – berichtete Sebastian Seelig vom Projekt Clima Carbo in Gartow. Gefördert vom BMBF und durchgeführt von der UNI-Halle sowie der Pyreg GmbH, fungiert der Verein Wendepunktzukunft als Berater und Unterstützer vor Ort. Das Projekt läuft über drei Jahre. Genaueres ist auf unserer Projektseite zu erfahren.

Auch der Bauckhof hat mit seinen Experimenten bereits begonnen. Während beim Clima Carbo Projekt auf gelenkte aerobe Kompostierung nach der CMC-Methode (CMC=controlled microbial composting) gesetzt wird, verlassen sich Reiner von Kamen und seine Kollegen lieber auf die Kraft der Regenwürmer. In einer Mischung aus Mist, Dinkelspelzen und Pflanzenkohle konnte bereits eine hoffnungsvolle Entwicklung beobachtet werden. Die Vielfalt der Experimente, auch von den Gästen, lässt auf ein spannendes Jahr hoffen.

Den Abschluss des Tages bereitete eine Führung zu den Kompostflächen des Bauckhofs sowie einer Feldbegehung beim angrenzenden Feld von Klaus-Hinrich Schulz, der seine Beobachtungen mit Schwarzwasser teilen wollte. Weitere Informationen über das Schwarzwasser-Phänomen vom Landwirt Schulz können unter: Inwaquarz eingesehen werden.

Alles in allem war es ein gelungener Nachmittag. Es freut uns bei jedem Stammtisch alte Bekannte und neue Gesichter zu sehen. Es zeigt sich ein großes Interesse an den Aufgaben unserer Zeit.

IMG_0970

Clima Carbo – Kompostansatz

Vom Mittwoch (04.04.12) bis Donnerstag (05.04.12), unterkühlt, vom Regen durchnässt, begleitet von einem Kamerateam des NDR, setzten wir die ersten Kompostmieten für das Clima Carbo Projekt in Gartow an. Glücklicherweise wurde gerade ein Maissilo frei, sodass wir Platz an der Biogasanlage hatten um den Ansatz zu bestücken.

Abgepresster Biogas-Gärrest, Mist, Stroh, Lehm und Pflanzenkohle wurden in unterschiedlichen Varianten gemischt und zu Mieten geformt. Nach zwei umfangreichen Arbeitstagen konnten wir voll freudiger Erwartung unser Werk bestaunen. Ein weiterer Schritt in Richtung nachhaltige Zukunft …

Die ausführliche Projektbeschreibung befindet sich in unserem Projektebereich

Blogtext-1

Pflanzenkohle in Kleingärten – Resultate 2011 [aus Ithaka-Journal]

In den letzten beiden Jahren beteiligten sich mehr als 200 Kleingärtner an einem vom Delinat-Institut koordinierten Versuch mit Pflanzenkohle. Auf je 10 m2 wurde das Wachstum verschiedenster Gemüsearten mit und ohne Pflanzenkohle verglichen. Die Analyse der Resultate zeigt spannende Tendenzen und bestätigt einmal mehr, wie wichtig der gezielte Einsatz von Pflanzenkohle ist. weiterlesen: hier

IMG_1036

Besuch bei der GrünRaum Initiative in Lüneburg

Seit über einem Jahr organisiert der Verein Wendepunktzukunft Workshops und Stammtische zum Thema Humusaufbau und Humus aufbauende Anbaumethoden. Ein Schwerpunkt dieses Bereiches ist die Erforschung der Nutzungsmöglichkeiten von Pflanzenkohle. Im Amazonas-Gebiet nennt mensch diese Erde Terra Preta. In unseren Breitengraden kann mensch Terra Preta eher mit einer Bewegung in Zusammenhang bringen, denn mit einer anthropogenen Erde.

Im Zusammenhang mit dem Workcamp der lüneburger Janun-Gruppe, “ohne Geld durch die Welt” wurden wir angefragt, ob wir bei einem Aktionstag in der Lüneburger Stadtfarm und dem Permakultur ZICKENGARTEN fachliche Unterstützung bezüglich der Herstellung von Terra Preta geben könnten. Das taten wir natürlich gerne.

Am Karfreitag und am Sonntag referierte Daniel Oliver Habenicht über die Prinzipien der Terra Preta Herstellung und gab Hilfestellung beim Bau eines Terra Preta Trockenklos sowie beim Bau eines Pyrolyse-Ofens. Beides wurde weitestgehend aus recycelten Matrialien gebaut.

Die Pflanzenkohle, die jetzt im Pyrolyse-Ofen hergestellt wird, kann wunderbar für das Terra Preta Klo genutzt werden. Somit ist wieder ein Stoffstromkreislauf entstanden.

Hier sind ein paar fotographisch festgehaltene Eindrücke:

Blogtext-1

Europäisches Pflanzenkohle Zertifikat [aus Ithaka-Journal]

Mit der Einführung des Europäischen Pflanzenkohle Zertifikats wird ein Meilenstein für die landwirtschaftliche Nutzung von Pflanzenkohle gesetzt. Pflanzenkohlen, die nach den Richtlinien des Zertifikats hergestellt werden, erfüllen sämtliche Anforderung an eine kontrollierte Produktion mit positiver Klima- und Umweltbilanz. Die ökologisch nachhaltige Beschaffung der verwendeten Biomassen wird dabei ebenso garantiert wie die Einhaltung aller gesetzlichen Vorgaben des Bodenschutzes und der Luftreinhaltung. Umfassend werde die Eigenschaften und die Qualität der Pflanzenkohle bewertet, so dass ein gezielter Einsatz der Pflanzenkohle in der Landwirtschaft, der Tierhaltung und der Abwasserbehandlung gewährleistet werden kann.

weiterlesen: hier

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Schwarzwasser beim Terra Preta Stammtisch – Februar 2012

Bei unserem Terra Preta Stammtisch im Februar entschlossen sich Hans–Friedrich Stegen und Klaus–Hinrich Schulz uns von ihren interessanten Forschungsarbeiten zu berichten und stellten uns ihre Idee zur möglichen Terra Petra Entstehung außerhalb vom tropischen Klima vor. Den von ihnen behandelten Boden definierten sie als einen von „Schwarzwasser“ beeinflussten Boden.

Klaus–Hinrich Schulz und Hans–Friedrich Stegen sind Landwirte und arbeiten seit ca 20 Jahren in ihrer Firma IN – WA – QUARZ GmbH zusammen. Sie entwickelten unter anderem ein Pflanzenstärkungsmittel auf homöopathischer Basis. Mit Spannung lauschten die Stammtischlerinnen und Stammtischler den Ausführungen der beiden Forscher, auch wenn sie nicht jedem Detail folgen konnten oder teilweise auch das nötige Vorwissen fehlte.

Wichtig ist, dass wir zusammen kommen und uns über unsere Gedanken, Ideen, Experimente und Forschereien austauschen. Das wirkt inspirierend und anregend. Ich freue mich außerordentlich, wenn auch unfertige Ideen und nicht „Bewiesenes“ besprochen werden kann. Schliesslich ist Wissenschaft auch nur eine Form der Wirklichkeitsinterpretation und – wenn wir neue Wege gehen – können wir auch selbst experimentieren, forschen und unsere eigenen Gedanken kreisen lassen.

Klaus–Hinrich Schulz und Hans–Friedrich Stegen gehen neue Wege und forschen auf eigene Gefahr und ohne Gewähr. Auf der Basis von Versuchen mit Biogasgärresten, die sie gemeinsam mit Herrn Dr. Schöttle durchführten sowie einigen unerwarteten Ergebnissen in der Praxis, erklärten sie sich eine Art Schwarzwassereffekt. An Hand von Freilandversuchen zum Beispiel beim Kohlanbau auf leichtesten Sandboden präsentierten sie Bilder, die auf eine bodenverbessernde Wirkung der „Schwarzwassererde“ hinweisen könnte. Sie sind überzeugt, dass Archaeen bei entsprechender Stimulierung durch behandeltes Wasser und, wenn entsprechende Nährstoffe und Pflanzenreste vorhanden sind, im laufe des Jahres eine dunkle Färbung eintritt, die auf Kohlenstoffverbindungen hinweist.

Ob es sich bei diesen Experimenten um eine Art Informieren von Urbakterien handelt und ob diese Urbakterien (Archaeen) in der Lage sind langkettige, dreidimensionale Kohlenstoffverbindungen zu bilden, muss noch erforscht werden. Vielleicht gibt es ja einen findigen Bodenkundler, der sich dieser Sache annimmt. Zu wünschen wäre es den beiden mutigen Landwirten. Und wer weiss? Vielleicht ist es auch uns zu wünschen?

Die Versuche und das weitere Treiben der beiden Landwirte ist auf ihrer Firmen-Websteite: In-Wa-Quarz zu finden.

IMG_0845

Terra Preta Stammtischbericht, 14. Januar 2012

Unser Terra Preta Stammtisch fand in diesem Monat nicht im Cafè Salix in Gartow statt, sondern in Vietze bei der Frau Tietze. Dankenswerterweise konnten wir auf ihre Hilfe zurückgreifen, da das Cafè Salix ausgerechnet in jener Woche Urlaub machte. Frau Tietze bewohnt einen alten Gasthof und richtete für die Stammtisch Genossinnen & Genossen den Ballsaal her, mit riesigem Tisch und ausreichend Stühlen drumrum. Außerdem gab es Gebäck, Kaffee und Erfrischungsgetränke. Als wenn das der Gaumenfreuden noch nicht genug wäre, hatte jeder noch eine kleine Köstlichkeit im Gepäck, sodass für das leibliche Wohl ausreichend gesorgt schien.

In gemütlicher Plauderrunde wurden die Erfahrungen des letzten Jahres resümiert. Es offenbarte sich ein breites Spektrum an Ergebnissen im Umgang mit Pflanzenkohle, Mikroorganismen und dem eigenen Kompost. So gab es beispielsweise Probleme mit der Handhabung der häuslichen Biobfälle mit üblen Gerüchen und Schimmel als Begleiterscheinung oder eine viel zu große Wassertonne für den Terra Preta Ansatz. Auch die Verwendung der Mikroorganismen war ein wichtiges Thema. Einige verwenden Effektive andere indigene (heimische, selbstvermehrte) Mikroorganismen. Es zeigte sich, dass die indigenen Mikroorganismen den EM’s vorgezogen werden. Vor allem, weil die Stammlösung der Effektiven Mikroorganismen meist aus japanischen Laboren kommt und diese sich nicht recht in unser Klima einfügen können. Auch gab es Unsicherheiten hinsichtlich der Menge beziehungsweise der Konzentration von Mikroorganismen. Es wurde der Wunsch geäußert, in einem Workshop die Handhabung und Vermehrung indigener Mikroorganismen zu zeigen. Diesem Wunsch werden wir in Kürze erfüllen.

Glücklicherweise gibt es auch einige Mitstreiter, die einen „grünen Daumen“ besitzen und nicht müde werden, für die vielen Hindernisse des Gärtneralltags einen Lösungsweg anzubieten. Einer dieser Mitstreiter hat seine Gartenerfahrungen bezüglich der Terra Preta Herstellung bereits unserem Terra Preta Wiki zur Verfügung gestellt. Sie können hier eingesehen werden.

Nettes beisammensitzen und plaudern füllt die praktisch orientierten Mitstreiterinnen und Mitstreiter dauerhaft nicht aus. So werden wir im April eine Exkursion Richtung Berlin unternehmen um uns von einem Garten-Experten Tips und Tricks in der Terra Preta Herstellung geben zu lassen. Des weiteren werden wir vermehrt Impulsreferate von Terra Preta Spezialisten organisieren und uns über Humus aufbauende Anbaumethoden berichten lassen.

Alles in Allem freuen wir uns auf das kommende Jahr und harren voller Ungeduld der Gartensaison um endlich wieder dem Kribbeln, Krabbeln, Summen, Schnarren, Wuchern und Wachsen beiwohnen zu können. Der nächste Stammtisch wird im Februar sein. Genaueres ist auf unserer Veranstaltungsseite zu erfahren.

23051292

Mit den Methoden der Indios [aus Cicero]

Artikel aus dem Cicero Magazin von Marie Amrhein vom 22. November 2011 Webseite

Dieser Tage rollt der Castor-Transport durch das schöne Wendland. Das hält den jungen Grafen von Bernstorff nicht davon ab, dort mit den Methoden der Indios hochtechnologischen Ackerbau zu betreiben.

Abschätzig lässt Daniel ­Oliver Habenicht die dunkle Erde durch seine Finger rieseln. 0,9 Prozent Humus haben seine Messungen auf dem Ackerland ergeben. „Das ist der schlechteste Boden, den wir haben“, fasst Fried von Bernstorff die ernüchternde Bodenerkundung zusammen. Die beiden Männer stehen auf sandigem Untergrund. „Der hält kaum Wasser oder Nährstoffe.“ Typischer Boden für diese Gegend im Wendland, dem am dünnsten besiedelten Landstrich in Niedersachsen.

Aber das soll sich in Zukunft ändern. Und nicht nur das. Von Bernstorff und Habenicht haben ein Projekt. Gemeinsam mit Catharena van Zyl, bis vor kurzem Unternehmensberaterin in Amsterdam, und Albrecht von Sydow, Jurist und Ökonom, haben sie vor etwa einem Jahr die Initiative Wendepunktzukunft ins Leben gerufen. „Weil sich hier endlich etwas bewegen muss“, meint von Bernstorff und schaut über sein Land.

Seit kurzem ist der junge Graf Eigentümer des größten Waldes in Norddeutschland. Knapp 6000 Hektar Forst und der dazugehörige Betrieb mit 32 Angestellten unterstehen seiner Verantwortung. Der Vater, Andreas von Bernstorff, ist zwar noch im Geschäft, lässt dem Sohn aber immer mehr freie Hand. Auf dem Schloss in Gartow, dem Bernstorff’schen Familiensitz, werden derzeit große Gedanken gesponnen. Zu besichtigende Ergebnisse gibt es bisher noch nicht – außer ein paar Tonnen Erde und einer grünen Ackerfläche. Sitzt man aber mit den Initiatoren zusammen, so entsteht innerhalb von Minuten ein Netz an Ideen und konkreten Plänen. Wendepunktzukunft ist vieles: Thinktank, Open Source, Bürgergesellschaft, Forschungszentrum. Es will ländliche Regionen robust machen gegen die Abwanderung von wirtschaftlichen und sozialen Strukturen. Einer der Leitgedanken ist es, lokale Stoffkreisläufe zu schließen.

„Ich möchte in meiner Lebensspanne den gesamten landwirtschaftlichen Betrieb umstellen und den Düngekreislauf schließen, so wie es früher war“, sagt Fried von Bernstorff. Das umfasst die Forstwirtschaft, den landwirtschaftlichen Betrieb, eine Schnapsbrennerei und die Biogasanlage.

Hier setzen die Initiatoren mit einem ihrer nächsten Projekte an: Mit der Biogasanlage macht das Schloss einen großen Schritt in Richtung dezentraler Kreislauf. Neben dem Schloss und dem landwirtschaftlichen Betrieb werden das Schwimmbad von Gartow, das Altersheim und Schulen bereits mit Energie versorgt. Grünschnitt, Klärschlämme, Gärreste – alles, was bisher von den Bauern „bestenfalls suboptimal oder gar nicht“ genutzt wird, soll nun einen Sinn bekommen.

Das wichtigste Projekt des Vereins ist aber der größte Terra-Preta-Versuch Europas, ein Forschungsprojekt, das am 1. Januar des kommenden Jahres gemeinsam mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung auf dem Land der ­Bernstorffs startet. Terra Preta ist portugiesisch und bedeutet wörtlich übersetzt schwarze Erde. In der Landwirtschaft bezeichnet es einen menschengemachten sehr fruchtbaren Humusboden, der ursprünglich von den Indios im Amazonasgebiet hergestellt wurde.

Die Idee von Wendepunktzukunft: Ungenutzte Reste aus der Biogasanlage der Bernstorffs oder von nachbarschaftlichen Landwirten werden unter Sauerstoffausschluss in Kohle umgewandelt. Das CO2, das bei der Verwesung sonst entstünde, wird auf diese Weise gebunden. Gleichzeitig wird die Pflanzenmasse so haltbar gemacht, und ihre chemischen Verbindungen bleiben erhalten. Anschließend wird das Ganze „zu einer Art Flüssig-Terra-Preta aufbereitet“, erklärt Albrecht von Sydow. Diese humusaufbauende Technologie sei in Zukunft „bares Geld“ wert. Denn was heute auf den industriell gemanagten Feldern passiert, wird auch auf finanzieller Ebene nicht mehr lange durchzuhalten sein. „Es hat nichts mit ökologisch-esoterischem Gutmenschentum zu tun, wenn man einem konventionellen Landwirt sagt: ‚Du, Stickstoff wird in 20 Jahren zehn Mal so teuer sein wie heute, und außerdem werden alle landwirtschaftlichen Subventionen gestrichen. Du hast auf unseren armen Böden nur dann ökonomisch eine Chance, wenn du dich von Kunstdünger unabhängig machst.‘ Viele Betriebe setzen heute Glyphosat ein, den Kernbestand von Agent Orange, das im Vietnamkrieg zur Entlaubung der Wälder verwendet wurde. „Da lebt kein Regenwurm mehr. Das ist wie eine landwirtschaftliche Petrischale.“

Argumentative Unterstützung erhält die Initiative auch von Felix zu Löwenstein. Der Vorsitzende des Verbands ökologischer Lebensmittelproduzenten legt in seinem neuen Buch „Food Crash – Wir werden uns ökologisch ernähren oder gar nicht mehr“ mit Beispielen aus aller Welt dar, dass die konventionelle Landwirtschaft „in einem letzten großen Strohfeuer“ alles verheize, was zukünftige Generationen als Lebensgrundlage bräuchten. Er stützt sich dabei auf den Weltagrarbericht und Studien der Vereinten Nationen, die allesamt zu dem Schluss kommen, dass die Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung nur mit ökologischen Agraransätzen gewährleistet werden kann.

Wendepunktzukunft hat ausgerechnet: Mit nachhaltiger Landwirtschaft könnte man mit 70 Quadratmetern einen Menschen ernähren; derzeit brauchen wir in Deutschland mit konventionellen Anbaumethoden 5000 Quadratmeter pro Person. „Terra Preta ist erneuerbare Energie für den Boden“, sagt von ­Bernstorff. Auf 30 Hektar soll das Gemisch im kommenden Jahr ausgebracht werden – und aus den schlechtesten Böden des Bernstorff’schen Betriebs fruchtbare Äcker machen.

Aber die Idee geht noch weiter. Auf dreien der 30 Hektar Versuchsacker werden kleine Gärten angelegt. Um Stadt und Land wieder enger zu verbinden, will Wendepunktzukunft saisonales Obst und Gemüse anbauen und dieses an Familien aus der Stadt verkaufen. „Wenn man es geschickt anstellt, kann man mit diesem halben Hektar acht Familien ernähren und einen Arbeitsplatz schaffen“, habe das an dem Projekt beteiligte Delinat-Institut ausgerechnet, sagt von Bernstorff. Die Familien bekämen also Gemüse vom Ackerboden ihres Vertrauens, der durch die Verwendung des Terra-Preta-Gemischs gleichzeitig einen Beitrag zur CO2-Bindung leiste und nachhaltig nutzbar bliebe.

Auf der Suche nach Mitstreitern aus der Umgebung vermeidet Fried von ­Bernstorff mittlerweile den Begriff Terra Preta: „Das hat so eine mythische Aura, dass viele Landwirte mit dem Hinweis auf zu viel Esoterik den Gebrauch zurückweisen.“ Wendepunktzukunft geht es aber gerade darum, auch die konventionellen Bauern mit ins Boot zu holen. Von Bernstorff und Co wollen keine Nischenwissenschaft betreiben, sondern träumen von einem gesellschaftlichen Umdenken.

Die Zeichen dafür stehen nicht schlecht: Der Finanzsektor, die Energiewirtschaft, die Nahrungsmittelerzeugung, keines dieser Systeme ist bisher nachhaltig. Gleichzeitig kämpfen diese Branchen mit einem gravierenden Vertrauensverlust der Verbraucher, sodass der Anreiz zur Veränderung groß ist. Aus der Politik gibt es bisher noch keine Ideen, wie man den Umgang mit der Natur in Zukunft retten will. „Für die Forstwirtschaft gibt es in Deutschland gesetzliche Regelungen zur nachhaltigen Bewirtschaftung, wie das Bundeswaldgesetz oder die Landesforstgesetze. Für die Landwirtschaft oder die Industrie gelten vergleichbare Regeln bisher leider nicht“, bemängelt Andreas Schulte vom Institut für Landschaftsökologie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Das will der Thinktank aus Gartow ändern. Und dabei helfen Ort und Name mit gewaltiger Symbolik nach. Denn das Land, das der 33-jährige Fried von Bernstorff verwaltet, birgt eine ebenso umfangreiche Tradition und große Verantwortung wie der Name von Bernstorff, der spätestens seit dem Kampf gegen das Atomendlager in Gorleben eng verwoben ist mit der Sorge um die Zukunft der Natur und der Menschen im Wendland. Als dem Waldbesitzer Andreas von Bernstorff Mitte der siebziger Jahre mehrere zehn Millionen Mark geboten wurden, damit er sein Land für das Atomendlager aufgibt, lehnte der ab. Kurze Zeit später brannte der Wald. Es war Brandstiftung. Aber die Bernstorffs verkauften nicht, sie forsteten auf; inzwischen plant der Sohn einen Windpark auf dem damals umkämpften Gelände. Bis heute steht die Familie bei Demonstrationen auf der Seite der Gegner, werden Jagden just zur Zeit der Castor-Transporte abgehalten oder Bäume im Wald gefällt, die rein zufällig auf die Straße fallen und die Zufahrtswege nach Gorleben versperren.

Für die Familie der Bernstorffs hat der aktive Naturschutz mit der Liebe zum eigenen Wald begonnen. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde auf dem Land, das damals aus Heide, Sanddünen und Mooren bestand, mit der Aufforstung begonnen. Ähnlichen Einfluss hat der Wald in ganz Deutschland seit jeher auf seine jeweiligen Besitzer gehabt. So ist der Gedanke der Nachhaltigkeit aus der Forstwirtschaft entstanden. „Vor Hunderten von Jahren wurden in der Forstwirtschaft die ersten Regularien zur Nachhaltigkeit aufgestellt“, erklärt Andreas Schulte. „Die Idee war einfach: In jedem Jahr darf nur so viel Holz genutzt werden wie nachwächst, damit auch die zukünftigen Generationen noch etwas von den Wäldern haben. Von den Zinsen leben, nicht von der Substanz, das ist auch heute noch das Leitbild nachhaltigen Wirtschaftens im Wald.“

Heute sitzt die junge Generation um Fried von Bernstorff an der gleichen Stelle wie damals sein Vater mit seinen Mitstreitern. Wendepunktzukunft wirft die Frage auf, wie „der ländliche Raum helfen kann, die großen Krisen des 21. Jahrhunderts zu lösen“. Sie haben sich der Ernährung, der Energie und dem Klima verschrieben. Es geht ums große Ganze, um entvölkerte Landstriche, um die Abwanderung von Wirtschaftskraft. Wie schafft man es, dass „die Impulse wieder vom Land kommen“? Dass der ländliche Raum sowohl „für Unternehmer als auch für Kreative attraktiv wird“?

Bei einer Fahrt ins Wendland an einem strahlenden Oktobertag versteht der Besucher ihren Drang, dieses Land zu retten, das sie umgibt. Vorbei an sich emsig drehenden Windrädern, an Schafen, Kühen, dann und wann einem Hof und einem Pferd im sumpfigen Wiesengrund. Die Sonne steht tief, plötzlich blitzt die Elbe durch das satte Grün, in das sich schon ein herbstliches Gelb mischt. Die Elbe hat hier wenig gemein mit dem industrialisierten Fluss in Hamburg, sondern durchzieht als Aue seicht das Land.

Im Rahmen des Forschungsprojekts Terra Preta schreibt Catharena van Zyl, Vorstandsvorsitzende des Vereins Wendepunktzukunft, ihre Dissertation zum Thema „Ökosystemdienstleistung und Komplementärwährung auf Kohlenstoffbasis“. Van Zyl will herausfinden, ob in Zukunft ein Dorfbewohner, der sich um seine alte Nachbarin kümmert, dafür Bonuspunkte bekommt, mit denen er im lokalen Bioladen Brot einkaufen kann. Das Brot bliebe damit ökonomisch wettbewerbsfähig im Vergleich zum Supermarkt um die Ecke, und der Bioladen könnte den Landwirt ausreichend entlohnen, der wiederum höhere Kosten hat, weil er humusaufbauende Landwirtschaft betreibt.

Ideen wie diese haben inzwischen auch die Politiker in der Gemeinde angesteckt. Kürzlich waren sie zu einem „sehr harmonischen Ausflug in das süddeutsche Morbach, um dort gemeinsam einen vorbildlichen Energiepark anzugucken“, erzählt Albrecht von Sydow.

Wendepunktzukunft ist keine Gruppe spinnerter Ökologieesoteriker in Wollpullis. Hier sitzen Ökonomen zusammen, die Natur und Geschäft gleichzeitig im Auge haben. Es ist eine neue Generation grüner Denker, die hier die Zukunft in Angriff nehmen will. Ihre Motivation bringt Catharena van Zyl stellvertretend für ihre Mitstreiter kurz und knapp auf den Punkt: „Alle Menschen auf dem Land sollen mit einem breiten Honigkuchenpferdlächeln herumlaufen.“

WPZ Redaktion

06100120

Zum Zusammenhang von Boden (-fruchtbarkeit) und Geschichtsverlauf

Eine sehr denkenswerte Schrift von Raoul Heinrich Francé aus dem Jahre 1922 über den Zusammenhang von Kriegen, Kolonisation, Unterdrückung und der Bodenfruchtbarkeit. Das Alamierende daran ist, dass sich der Zustand der Böden eher verschlechtert denn verbessert hat und dadurch ein weiterer Grund sichtbar wird, die Fruchtbarkeit der Böden endlich langfristig zu gewährleisten.

Zitat einer Textpassage aus “Das Leben im (Acker)Boden” (1922)

“Blickt man zurück auf den Lauf der Geschichte, so entdeckt man erst, wieviel von den Weltereignissen eigentlich die Folge der Bodenverarmung war. Solange es nur wenig Menschen gab auf der heimatlichen Scholle, war das freilich ohne Bedeutung. Der frühmittelalterliche Roder des Waldes konnte leicht aus dem Vollen wirtschaften. Ihm machte das gar nichts aus, wenn der Boden verarmte. Sank das Erträgnis, so wurde eben durch Rodung Neuland geschaffen, und der große Wald von Mitteleuropa schien unerschöpflich zu sein. Aber eines Tages erschöpfte er sich doch. Das war etwa der Fall in jener höchsten Blütezeit der deutschen Bürgerkultur, kurz vor dem Dreißigjährigen Kriege. Mancherlei lässt darauf schließen, dass damals, wenn nicht mehr, so mindestens das gleiche Gebiet kultiviert war wie jetzt, dass jedenfalls mehr Dörfer bestanden als heute. Wäre nicht die große Verwüstung des endlosen Krieges gekommen, der nur mehr vier Millionen Menschen lebend zurückließ auf einem Land, das vordem fünfundzwanzig ernährte, so hätte sich alles das, was nachher folgte, schon viel früher vollzogen. So aber war erst in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts der Lebensraum Mitteleuropas erfüllt. Und die zunehmende Verarmung des Bodens setzte ein. Damals entstand die heute noch nachwirkende Überzeugung, dass Kultur ein Menschenfresser sei und die Länder verarme.

Zuerst versuchte man, der Verarmung auszuweichen. Die Auswandererzüge ergossen sich nach dem wenig besiedelten Osten. Das soeben von den Türken befreite Ungarn war Neuland. Der große Schwabenzug setzte ein. Hunderttausende der besten Deutschen (denn zum Auswandern gehört Intelligenz, energisches Wollen und Geld) verließen den Boden, den sie für verarmt hielten, weil sie seine Gesetze nicht kannten. In England begann der Hunger, desgleichen in Frankreich. Engländer und Franzosen wandten ihrer Artung entsprechende Mittel an. Die einen schafften Brot durch die Industrie. Die so viel Menschenleid nach sich ziehende Spekulation begann: Mein Acker trägt nicht genug, also mache ich Nähnadeln oder Webwaren, um für sie vom Nachbarn Brot zu kaufen. Die Franzosen dagegen wollten Brot durch Revolution schaffen. Dass Ludwig XIV. die große Revolution zunächst für eine der üblichen “Brotrevolutionen” hielt, sagt darüber alles.

Hätte man nicht um jene Zeit die Kartoffeln überall eingeführt, um den Ausfall an Brot zu decken, so wäre die schleichende Lebensmittelkrise noch viel gefährlicher geworden. Die Kartoffel half den armen Menschen etwas, aber immer deutlicher wurde es: Die Äcker tragen nicht genug. Die Unglücklichen suchten den Fehler in ihrer Lebenslust, und man erfand das Wort von der Überbevölkerung. Der Reverend Malthus stellte seine eigentlich fürchterliche Theorie auf, die, als Darwinismus verkleidet, heute noch lebt. Ein noch schrecklicherer Gedanke kam auf. Nicht nur zurückhalten sollten sich die Menschen in ihren natürlichsten Trieben, sondern auch Abschlachten sollten sie den Überfluss an Menschen. Man begann mit der Predigt: Kriege müssten sein; der Krieg sei gottgewollt, um der Überbevölkerung vorzubeugen. Und von da war nur mehr ein Schritt zum Imperialismus. Man muss dünn bevölkerte, noch bodenreiche Länder erobern, um für seine Menschenmassen Brot zu haben, man muss das Land den Naturmenschen wegnehmen und sie arm machen unter der Bezeichnung Kolonie, denn der arme Boden daheim muss durch Kolonien ergänzt werden.

Das Zeitalter der Industrialisierung, der Auswanderung, der Proletariatsbildung, der Kriege, der Kolonisation, des Imperialismus, der Revolution und der Hungersnöte begann.

Versteht man nun, dass alle diese Höllen, diese wahre Büchse der Pandora, einen einzigen Ausgangspunkt hatten, alle auf eine Ursache zurückgingen: auf die Verarmung des Ackerbodens, deren wahre Ursache man nicht kannte?

Statt im Osten suchte man bald das Neuland im Westen und Süden. Amerika wurde das Auswandererparadies. In Scharen stürzten sich Deutsche, Franzosen (Kanada!), Italiener, Slowaken, Russen auf den jungfräulichen Boden, der noch volle Ernten gab; man ging nach Südafrika, nach Australien, überall hin, wo noch reiche Ernten lockten. Wo es den Menschen wieder gut ging, da war das neue Vaterland. Trotzdem wurde der Kampf ums Dasein überall ärger. Und die Armen, statt ihn als Krankheit zu erkennen und zu heilen, machten sich aus ihrer Geißel ein Gesetz der Geißelung. Man nahm es hin als Notwendigkeit und sagte, Kampf muss sein, Hunger, Übervermehrung muss sein, das ist naturgewollt. Aus dem entspringt sogar aller Fortschritt.

Aber trotz imperialistische Kriege, Kolonien und der Verwandlung von ganz Europa in eine Fabrikkaserne wuchs der Hunger. Zwischen 1750 und 1850 ging in jedem Jahrzehnt mindestens einmal die Hungersnot durchs Land. Von dem großen Elend 1816 bis 1817 erzählten noch unsere Großeltern; der Misswuchs von 1847 wurde allgemein als die unmittelbare Ursache des Ausbruchs der Unruhen von 1848 gedeutet.

Da kam die Rettung. Von der einzigen Seite her, von der der Mensch dem Menschen beistehen kann in seinen Nöten: durch das Wissen.

Justus von Liebig heißt der unvergängliche Wohltäter der gesamten Menschheit, der endlich erkannte, wo des Übels Wurzel steckt, dass alles das Strafe ist für den Raubbau, den die Menschen seit Jahrhunderten an ihrem Ackerboden treiben. Er lehrte endlich einfach rechnen, und ebensoviel Kali, Phosphor, Stickstoff und Kalk dem Boden zurückzugeben, wie man ihm entnimmt, indem man ihn mit solchen Salzen künstlich düngt.

Durch die Schaffung und Anwendung des Kunstdüngers hat Liebig die Welternten rund um ein Drittel erhöht. Man hat berechnet, dass solches vor der großen Geldentwertung im Jahre rund drei Milliarden Goldmark bedeutete. Drei Milliarden Goldmark, das ist in einer Zeit, in der man den dreißigfachen Wert dafür hinlegen muss, eine unausdenkbare Menge an Kulturerrungenschaften, an Spitälern, Schulen, Kunst und Wissenschaft, die sich die Menschheit gönnen kann, und für die ohne Liebig kein Pfennig vorhanden gewesen wäre. Statt dessen aber eine neue Hekatombe an Menschenleid, verschärftem Lebenskampf, Krankheit, Kindersterblichkeit, Wettbewerb, gegenseitigem Hass und Hartherzigkeit.

Zwischen den Jahren 1850 und 1880 hat sich die Kunstdüngung allgemein verbreitet, anfangs unter Widerstreben und langsam, dann, wenigstens in unserem Lande, allgemein. Kein Landwirt zweifelt heute im Ernst daran, dass hauptsächlich wegen der starken Anwendung von künstlichen Düngemitteln die deutschen Ernten in den letzten Jahrzehnten so gewaltig gestiegen sind.

Mit einem Schlag schien durch die Liebigsche Theorie und die Kunstdüngung die ganze Bedeutung des Humus gegenstandslos geworden, und tatsächlich setzte unter ihrem Einfluss zunächst auch eine starke Missachtung des Humus in der Landwirtschaft ein. Das echt menschliche Schicksal ereignete sich auch hier wieder: von einem Extrem fiel man ins andere. Nur erst langsam stellte sich das Gleichgewicht her, und das ging so zu:

Es war zu erwarten, dass die Kunstdüngersalze im Boden durch den Regen gelöst werden und mit ihm in die Tiefe sickern, bis sie den Grundwasserspiegel erreichen. So wenigstens müsste man sich nach den physikalischen Gesetzen einen völligen Misserfolg der Kunstdüngung vorstellen. In Wirklichkeit aber verläuft das anders, und das ist wieder ein Verdienst des Bodenlebens und des dadurch erzeugten Humus. Ohne Humus wäre die ganze Kunstdüngung wertlos.

Die gesamten Humusstoffe besitzen nämlich eine Eigenschaft, auf die man erst in neuester Zeit aufmerksam geworden ist. Während die Kunstdüngersalze, so wie die natürlichen Bodensalze Kristalle sind, ist dagegen der Humus kolloidaler Natur.

Was ist darunter zu verstehen? Von allen den merkwürdigen Eigenschaften der Kolloide, die die Wissenschaft, die heute kolloidales Eisen und Gold darzustellen gelernt hat, auf diese Weise erfuhr, hat nur eine einzige für den Landwirt Belang. Diese allerdings in allerhöchstem Masse. Und das ist ihre enorme Adsorption. Mit dem Fremdwort soll gesagt sein, dass sie gleich einem Leim auf das allerzäheste kleben und haften – mit anderen Worten, dass kolloide Stoffe im Boden festhalten und davor bewahren, dass sie ausgewaschen oder in die Tiefe gespült werden.

Die Fachwissenschaft drückt das so aus: dass der Ackerboden durch seine Hydrogele von Kieselsäure, Eisen und Aluminium sowie durch die kolloidalen Humussubstanzen die kolloidal gelösten Düngerstoffe adsorbieren kann. [...] Das alles, namentlich aber der Humus sind nun die Ursachen, warum die in den Boden gebrachten Stickstoff-, Kali-, Phosphorsalze nicht weggeschwemmt, sondern dauernd in der Region erhalten bleiben, aus der die Pflanzenwurzeln schöpfen.

Es ist demnach vollkommen richtig, dass ohne Humus auch die beste Kunstdüngung versagen würde, und dass nach wie vor der Landwirt größten Bedacht nehmen muss, dass sich der Humus in seinem Acker nicht vermindre, eher denn vermehre.

Die alte Erfahrung der Praktiker, dass der Humus mit größter Kraft die Pflanzennährstoffe gegen das Auswaschen zurückhalte, hat so nur eine neue, tiefer dringende Erklärung erfahren, und nach wie vor strahlt als goldenes und oberstes Gebot des Landwirts und Gärtners der Satz: Die Erhaltung und Vermehrung der Humusmenge im Boden ist eine der wichtigsten Aufgaben der Bodenkultur.

Nachdenklich stimmt diese uralte und neubegründete Einsicht, wenn man sie nur erst einmal in ihrer ganzen Tiefe erfasst hat. So sonderbar ist also der Zusammenhang der Dinge geordnet, dass die Toten mit segnender Hand die Nahrung für die Lebenden festhalten da drunten in dem Dunkel ihres Grabens? Denn was ist denn Humus anderes als die Toten? Alle Toten: die Wälder, die da rauschten unseren Voreltern, die Blumen, die für sie blühten, die heiteren Vögel, die ihnen sangen, die Kornfelder, die ihren Sommer mit würzigem Brotgeruch erfüllten und sie selber auch, die vor uns gingen und liebten und ernst und fröhlich waren in ihren dunklen und guten Tagen. Ein oder einige Jahrhunderte gehen über die Welt, und sie alle sind dunkler, feiner Humus voll Erdgeruch und neuem Leben. Die Handvoll da, die ich davon aufnehme, war eine Welt und ist wieder eine, die mir und uns allen das tägliche Brot mit allen Freuden und Reichtümern, die daran hängen, zubereitet und erhält. Ist das nicht eine der sinnigsten, ehrwürdigsten Vorstellungen? Hat da nicht der Tod jeden Schrecken verloren? Und muss es nicht dem, der mit solchem Wissen auf einen so gewohnten Gegenstand wie die Heimatscholle blickt, ein lieber und vertrauter Klang sein, wenn er zu ihr sagt: Mutter Erde, aus der wir kamen und zu der wir werden…

Und doch war auch mit der Erkenntnis der Kunstdüngung und der Bodenkolloide noch nicht alles entschleiert von den Geheimnissen der Ackerkrume, so wie auch die Liebigsche Tat dem grenzenlosen Bodenhunger der Menschheit nur auf kurze Zeit Einhalt gebot.

Es wäre eine Untersuchung für sich, wie weit der ungeheuer rasche Aufschwung des Volkswohlstandes und der Zivilisation von 1850 bis 1900 mit den Verbesserungen der Landwirtschaft zusammenhängt, die durch Liebig eingeleitet worden sind; Tatsache ist, dass seit 1900, wenigstens in Mitteleuropa, die Ernte wieder nicht mehr der unter dem Einfluss jenes Wohlstandes außerordentlich stark angeschwollenen Kopfzahl genügte und damit neuerdings eine schleichende Ernährungskrise begann, die ihren erschrecklichen Abschluss in der mitteleuropäischen Hungersnot von 1916-1919 hatte. Hand in Hand damit ging die Ländergier, der Imperialismus, die Industrialisierung und Proletarisierung, die Unterernährung und die revolutionäre Gesinnung weiter. Schon vor dem Kriege musste Deutschland rund ein Drittel seiner notwendigen Lebensmittel aus dem Ausland einführen, und heute (1922) ist das Missverhältnis noch ärger.

Wieder schreit das Leben unseres Volkes – und mehr oder minder das aller europäischen Völker – danach, auf unserem Boden nochmals Liebigs Grosstat zu leisten und die Ernte neuerdings um ein Drittel zu steigern.

Das ist die brennende Aufgabe von heute, es ist das eigentliche Zeitproblem, dessen Lösung alle anderen, sowohl die sozialen, wie die wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Probleme in sich schließen würde.

Und rastlos arbeiten Forschung und technisches Können daran, dieses Problem zu lösen.”

Wichtige Links zu Raoul Heinrich Francé: Webseite

- Thomas Caspari Webseite